Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens – 27. Mai 2010 von Ursula Raue

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Zusammenfassung der Taten

 

Pater Anton
In den bisher 41 Meldungen von Opfern wird ihm vorgeworfen,
- er habe im Rahmen der Jugendarbeit und insbesondere bei der Ausbildung
zum Gruppenleiter den Kandidaten zunächst einen von ihm verfassten Frage-
bogen vorgelegt, in dem sehr intime Fragen nach dem sexuellen Verhalten
gestellt wurden. Dazu gab es Abbildungen von nackten Körpern, bei deren
Betrachten die Schüler erklären sollten, welche Gefühle insbesondere sexu-
eller Art diese Bilder bei ihnen hervorriefen. Die Fragen mussten jeweils allein
beantwortet werden
-Einzelgespräche über Selbstbefriedigung und sexuelle Erfahrungen geführt zu
haben
-Zur Kontrolle eventueller häuslicher Onanierpraktiken Kerzen verteilt zu
haben, die angezündet werden sollten, solange der Vorgang dauerte, über
den Rest der Kerze wurde dann ein weiteres Gespräch geführt.
Die Fragebogen sollten vertraulich behandelt werden und wurden meistens ver-
brannt, allerdings sind in einem Fall auch ausgefüllte Fragebogen im Auto von Pater
Anton gefunden worden.
Die Opfer berichten,
- dass die Gespräche mit Pater Anton immer unter vier Augen stattfanden
- dass sie sich auf seinen Schoß setzen mussten
- dass man ihn auch habe anfassen müssen
- dass man vor ihm onanieren musste
- dass Pater Anton dabei auch selber sexuell erregt gewesen sei,
- dass das Ganze bei verschlossener Tür stattfand
- dass die Schüler angehalten wurden, nicht darüber zu sprechen.

Pater Bertram
Es ist immer dasselbe Muster erkennbar. Er hat Schüler – es waren auch 3 Schüle-
rinnen darunter – teilweise in exzessiver Weise geschlagen, und zwar auf das nackte
oder bekleidete Hinterteil. Dabei konnten die Opfer wählen zwischen einer von ihm
vorgeschlagenen Anzahl von Schlägen im bekleideten oder der Hälfte der Schläge im
unbekleideten Zustand. Dem ging in der Regel eine Art „Vereinbarung“ voraus, bei
der es um das Erreichen bestimmter Noten oder auch um Strafe für ein bestimmtes
Verhalten ging.
Viele der Opfer haben diese Schläge bis heute nicht vergessen können und haben
auch erst sehr viel später verstanden, dass die Schläge auch eine sadistisch-sexuelle
Komponente hatten. Einige haben auch von tagelangen Schmerzen berichtet. Viele
berichten, dass Pater Bertram die geprügelten Stellen anschließend eingecremt und
gestreichelt habe.


Pater Christian
... sind bis heute 12 Fälle – der letzte aus dem Jahr 1982 - bekannt geworden, in
denen Pater Christian sexueller Vergehen beschuldigt wird. Einige der Betroffenen
gaben an, dass es nach ihrer Erinnerung mehr Fälle gegeben habe, als heute
bekannt sind.
In allen Schilderungen geht es um männliche Kinder und Jugendliche im Alter
zwischen 11 und 16 Jahren. Pater Christian habe es immer so eingerichtet, dass er
mit den Jungen in einem Raum allein war und sie dann gestreichelt und geküsst
habe. Die meisten der Opfer haben sich über einen längeren Zeitraum immer wieder
mit ihm getroffen. Dabei ging es häufig auch um intensiven sexuellen Kontakt; „alles
bis auf Oralverkehr“, so schreibt es ein Betroffener.
Meldungen kommen aus Hannover, aus Berlin und eine aus Hamburg.
Einige der Betroffenen berichten, dass sie damals in einer schwierigen familiären
Situation gewesen seien, in der ihnen die freundschaftliche und fürsorgliche
Zuwendung von Pater Christian wichtig gewesen sei und dass sie sich deswegen
nicht in der Lage gesehen hätten, nicht mehr hinzugehen. Jeder von ihnen fühlte sich
dort sehr bald ausgenutzt, insbesondere wenn er feststellen musste, dass er nicht der
Einzige war, mit dem Pater Christian eine solche Beziehung pflegte.
Im Jahre 2005 fand eine Untersuchung gegen Pater Christian statt. Es ging um den
Missbrauch an einem zur Tatzeit 14jährigen, als Pater Christian Jugendseelsorger in
Hannover war. In dem Verfahren gibt es auch die Aussage eines Mannes aus Berlin,
der in den 70er Jahren im Alter von 11 Jahren Opfer von Pater Christian wurde. Den
Aussagen der beiden Opfer zufolge gab es in Hannover 6 weitere Opfer, in Berlin –
so die Aussage – vermutlich ca. 20 Schüler, die von Pater Christian missbraucht wur-
den. Pater Christian bestreitet die letzte Zahl.

Pater Eckhart
Pater Eckhart hat viel und gerne geprügelt
Es haben sich ... drei Opfer, die Schüler in den 60er Jahren waren, gemeldet.
Alle drei berichten von grober Gewalt und „Hinterhältigkeit“.

Pater Bertram
Aus der Zeit von Pater Bertram in Hamburg von 1979 bis 1982 gibt es sechs
Opfermeldungen.
Aus St. Blasien haben sich 12 Opfer gemeldet und 5 Personen, die von weiteren
Opfern berichten.

Pater Franz
Es werden 6 Opfer – alle in den 60er Jahren – genannt. Pater Franz habe vor allem
nachts den einen oder anderen Schüler aus dem Schlafsaal geholt. Der habe dann
entweder Vokabeln oder ein Gedicht lernen oder auch seinen Schreibtisch aufräumen
müssen. Danach wurden die Betroffenen zuerst geschlagen, manchmal mit dem
Rohrstock, und dann umarmt, während Pater Franz eine Erektion hatte. Pater Franz
drohte mit Disziplinarmaßnahmen, falls die Opfer etwas sagen.

Pater Georg
... gibt es Berichte von 23 Opfern, dazu 7 Meldungen von Zeugen und 2
Vermutungen, ein oder mehrere Schüler könnten Opfer von Pater Georg geworden
sei.
Allen gemeinsam ist die Aussage, Pater Georg habe morgens in den
Sammelduschen Aufsicht geführt und sei dabei nur mit einem Bademantel be-
kleidet gewesen. Häufig habe man sein Geschlechtsteil sehen können,
manchmal auch im erigierten Zustand. Zum Abschluss wurden die Schüler
von Pater Georg kalt abgeduscht. Viele der Jungen fanden das peinlich und
unangenehm, wagten aber nicht, sich dagegen zu wehren.
Einige berichten auch, Pater Georg habe sie von oben bis unten eingeseift
und es sei ihnen nicht möglich gewesen, sich dagegen aufzulehnen. Einer
berichtet, Pater Georg habe ihm – er war gerade 10 Jahre alt - gezeigt, wie er
die Vorhaut waschen muss.
Ein Schüler, der sich einen Fuß gebrochen hatte, wurde von Pater Georg in
der Badewanne gewaschen, was ihm unangenehm war.
Weiter wird mehrfach erzählt, dass Pater Georg bei Verdacht von Fieber die
Jungen zu sich in sein Zimmer bestellt und dann das Fieberthermometer rek-
tal eingeführt habe. Auch diese Prozedur wird als unangenehm und peinlich
beschrieben. Viele haben versucht, die Situation zu vermeiden wo immer es
ging.
Ebenfalls wird berichtet, Pater Georg habe mit besonderer Leidenschaft
fotografiert, vor allem die Jungen, wenn sie nicht oder nur wenig bekleidet
waren. Es gibt Berichte darüber, dass diese Fotos dann später auf dem
Schreibtisch von Pater Georg zu sehen waren, an der Wand hingen oder in
den Jahresheften des Aloisiuskollegs abgedruckt waren. Diese Fotos und
auch die Umstände des Fotografierens wurden von den betroffenen Jungen
als unangenehm und peinlich empfunden.
Neben diesen Praktiken, die von nahezu allen denen beschrieben werden, die
sich zu Pater Georg äußern, gibt es weitere Berichte, die von Lieblingsschülern
des Paters handeln:
Ein damals 13jähriger Internatsschüler und Bewohner der „Stella Rheni“ –
in dem Haus wohnten die Jungen der Unter- und Mittelstufe -, hat sich
anonym bei mir gemeldet. Er wurde mehrfach aus dem Unterricht geholt,
um mit Pater Georg zu „kuscheln“. Dafür durfte er die Stunde schwänzen.
Von teueren Geschenken, Ferienaufenthalten und anderen Sonderbe-
handlungen eines Lieblingsschülers berichtet auch eine Mutter, deren
Sohn dann später unbedingt die Schule verlassen wollte.
Ein weitere ehemaliger Schüler wurde von Pater Georg immer wieder bloßgestellt
und verließ nach vielen Demütigungen die Schule. So habe Pater Georg u.a. die
Mitschüler aufgefordert, an ihm zu riechen, weil er stinke. Pater Georg habe ihn
dann sogar an seiner Lehrstelle aufgesucht und beleidigt und gedemütigt.
Der ehemalige Schüler K. berichtet, er sei mindestens einmal zum Oralver-
kehr gezwungen worden.

Pater Hans
In den Berichten von Betroffenen wird Pater Hans fünfmal genannt. Ihm wird eine
große Nähe zu Pater Georg vorgeworfen und gesagt, er habe gewusst oder wissen
müssen, dass der Umgang von Pater Georg mit den Jungen nicht in Ordnung sei. Er
habe auch gewusst, dass Pater Georg manchmal Jungen aus dem Unterricht geholt
habe, die dann die Stunde bei ihm verbrachten. Er habe weiter zusammen mit Pater
Georg Urlaub gemacht. Dabei wurden Schüler mitgenommen. Man habe am FKK
Strand gebadet. Insgesamt habe er dem zweifelhaften Umgang des Pater Georg mit
den Jungen nicht Einhalt geboten.
Stellungnahme von Pater Hans
Das morgendliche Duschen beschreibt Pater Hans als eine notwendige und pädago-
gisch sinnvolle Maßnahme, um alle Schüler zur Sauberkeit anzuhalten. Für diejeni-
gen Jungen, die sich – oft während der Pubertät - schämten, nackt zu sein, habe er in
seiner Zeit als Erzieher immer Ausweichmöglichkeiten gefunden. Ihm seien auch
keine Beschwerden über das Verhalten von Pater Georg zu Ohren gekommen. Auch
das rektale Fiebermessen habe er damals für richtig gehalten, solange es die heuti-
gen Methoden noch nicht gegeben habe.
Zu manchen der Ferienreisen hätten Pater Georg und er auch Jugendliche mitge-
nommen. Bei diesen Reisen habe es manchmal auch Besuche an FKK-Stränden ge-
geben. Im Übrigen seien Eltern und andere Erwachsene – so die Crew auf dem Se-
gelboot – mit dabei gewesen. Er habe das Verhalten während der Ferienzeiten nicht
für anstößig gehalten.
Pater Georg habe immer leidenschaftlich fotografiert. Schüler hätte er auch teilweise
oder völlig nackt aufgenommen – oft im Gegenlicht und immer mit einem künstleri-
schen Anspruch. Das sei aber nie heimlich geschehen. Die Fotos von Pater Georg
hätten auch öffentlich ausgehangen. Einmal habe er – Pater Hans – Pater Georg
überrascht, als der auf der Terrasse seines Büros einen Jungen nackt fotografiert
habe. Er habe ihm Vorhaltungen gemacht und erklärt, dass er dies nicht machen
dürfe. Da die Terrasse von draußen einsehbar war, sei das Fotografieren auch nicht
heimlich geschehen, habe aber Anlass zu Missinterpretation gegeben. Er habe den
Vorfall als Einzelfall betrachtet.

Pater Julius
... gibt es 6 Berichte darüber, dass Pater Julius Schüler sowohl sexuell miss-
braucht als auch körperlich misshandelt hat. Er soll sehr gewalttätig gewesen
sein.
Einer berichtet, dass er mehrfach sexuell bedrängt wurde. Pater Julius war be-
sonders gefürchtet als Leiter der ND-Jugendgruppe. Dort soll es zu sexuellen
Übergriffen und großer Gewalttätigkeit gekommen sein.
Pater Julius war in den 50er Jahren wegen seiner Brutalität sowohl in körperlicher
als auch sexueller Hinsicht gefürchtet.

Pater Klaus
Werdegang
geboren 1899, gestorben 1982
von 1945 bis 1972 am Aloisiuskolleg
Vorwürfe
... gibt es zwei Meldungen, in denen es um schwere Verletzungen und
sexuellen Missbrauch geht. Einer berichtet davon, dass er im Schwimmbad von
Pater Klaus gewürgt wurde. Der ehemalige Schüler hat heute noch Panikattacken
und kann nicht ohne Angstgefühle am AKO vorbeifahren.

Pater Ludwig
Pater Ludwig hatte Probleme mit Alkohol.
Eine zur Tatzeit 14jährige wurde 1984 im Ferienlager Heliand in der Eiffel 14
Tage lang von Pater Ludwig misshandelt und missbraucht. Er stand immer unter
starkem Alkoholeinfluss. Das Opfer berichtet von einem zwei Wochen andauern-
den Martyrium, das teilweise unter den Augen des Personals statt fand.
Es ist nicht nachvollziehbar, dass Pater Ludwig, der aufgrund der Verurteilung
wegen vorsätzlicher Körperverletzung als gewalttätig bekannt sein musste,
dennoch weiter in der Jugendarbeit tätig war und eine Mädchenfreizeit leiten
durfte.

Ignatius
Gegen einen aktuellen Mitarbeiter des Kollegs ist bei der Staatanwaltschaft ein Ver-
fahren anhängig.
 
Pater Michael
6 Opfer berichten, dass Pater Michael ein Sadist war, der gerne und häufig
den nackten Hintern der Schüler verprügelte. Dabei schaute er, wer eine
Erektion hatte. Außerdem hatte er die Angewohnheit Kinder bloßzustellen, die
Heimweh hatten.

Pater Nikolaus
Aus Münster berichtet ein ehemaliger Schüler, Pater Nikolaus habe ihn im ND
mehrmals auf den Schoß genommen und befummelt.
Eine Frau aus Göttingen berichtet, sie sei 1968 als 14Jährige mehrfach von
Pater Nikolaus vergewaltigt worden. Dabei habe er ihr häufig hochprozentigen
Alkohol eingeflößt.
Eine andere Frau - ebenfalls aus Göttingen - berichtet, Pater Nikolaus habe
sie ca.1970 als Neunjährige in Göttingen im Beichtstuhl missbraucht.
 
Wiedergutmachung
Den Opfern ist vorrangig an folgenden Formen der Wiedergutmachung gelegen:
Entschuldigung
schnelle materielle Hilfe
Aufarbeitung in persönlichen Gesprächen
Dokumentation des Erlebten und Aufzeigen der Vertuschungsmechanis-
men

 

Empfehlungen
1. den Opfern Glauben schenken
2. Aufklärung am Aloisiuskolleg durch ein neues externes Team
3. Umsetzung materieller Wiedergutmachung - Entschädigung
4. individuelle Fürsorge für Opfer
Einzelgespräche
Ersatz von Therapiekosten
5. Diskussion mit selbstorganisierten Gruppen von Betroffenen
6. Umsetzung der Präventionsmaßnahmen in Ordenseinrich-
   tungen und –strukturen
7. Aufklärung über Sexualität
Ursula Raue
Mommsenstr. 11
10629 Berlin
Tel.: 030-32766710

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