Klaus Klüber: "Runder Tisch Abschlussbericht = Mogelpackung für alle ex-heimkinder"

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Runder Tisch Abschlussbericht
= Mogelpackung für alle ex-heimkinder.
+ Detailanalyse durch Herrn Prof. Kappeler


Das vorgestellte Entschädigungsmodell des runden Tisches kann nur als selten plumper Affront gegenüber ehemaligen Heimkindern bezeichnet werden, mit dem sich nach jahrelanger Kungelei hinter verschlossenen Türen, Kirchen und Staat darauf verständigt haben, der Öffentlichkeit ein geläutertes Gewissen von moralischen Anstand vorzutäuschen, den sie in den Anfängen der Heimkinderklagen noch unverhohlener missen ließen. Etwa indem sie die Klagen und Begehren der ehemaligen Heimkinder zunächst entrüstet abzuwimmeln versuchten, um später auf Druck öffentlicher Medien scheibchenweise einen der schauderlichsten Skandale dieser Bundesrepublik einräumen zu müssen.

Niederträchtig auch die Versuche der Kirchen den ehemaligen Heimkindern für ihren konstruktiven Vorschlag einer einmaligen Entschädigungspauschale für alle gelittenen Heimkinder von etwa 50000 Euro, oder einer monatlichen Rente von etwa 300 Euro Habgier zu unterstellen. Etwa durch Kardinal Lehmann, dessen ehrverletztenden Äußerungen auf wundersame Weise nicht mehr im Internet abzurufen sind.
Oder das unverschämte Verleugnen expliziter Entschädigungsforderungen der ehemaligen Heimkinder, wie sie vom Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz Herrn Stücker-Brüning auf der Abschlusspressekonferenz kaum kaltschnäutziger zu bennenen vermieden wurde.
Siehe offizielle Pressekonferenz, ab etwa 25, Minute
Absolut empfehlenswert auch die alternative Pressekonferenz der ehemaligen Heimkinder.

Geradeso als wüssten sie nicht, dass solch ein Betrag für gravierende Menschenrechtsverletzungen, wie sie in den vergangenen Jahren an gewissenlosen Heimbehandlungen bekannt wurden, im internationalen Vergleich sogar noch ausgesprochen günstig ausfällt.

Aber so sind unsere Kirchen nun mal.
Solange sie an Menschen und deren teils mitverursachtem Leid Geld verdienen können, sind sie sofort zur Stelle, aber wehe sie sind einmal gefordert für ihre unchristlichen Verfehlungen gerade zu stehen. Nein, da zeigen sie ihr wahres Gesicht und ziehen alle Register um ihren Opfern in der Gewissheit ihrer gesellschaftlichen Unantastbarkeit die kalte Schulter zu zeigen.

Staat und Kirchen erweisen sich dem erfahrenen Leid der Betroffenen mit dieser verfassten Entschädigungsofferte genauso ignorant, wie nahezu sämtliche Medien in Funktion ihres sozialen und demokratischen Wächteramtes, zu all den skandalösen Begleitumständen des runden Tisches stumm geblieben sind.

  • Angefangen vom Druck, binnen Tagesfrist Heimkinder-Delegierte für den runden Tisch zu benennen, die später entgegen getroffener Absprachen doch nicht mehr durch legitimierte Mandatsträger/innen ersetzt werden durften.

 

  • Niemand der hinterfragt warum der runde Tisch ausschließlich hinter verschlossenen Türen tagte.
  • Skandalös die konspirative Verpflichtung der Heimkindervertreter/innen, Gesprächsinhalte des runden Tisches, weder an die Öffentlichkeit zu tragen, ja nicht einmal mit ihrer Vereinsbasis, oder deren Vorstandschaft für weitere Absprachen mitteilen zu dürfen.

 

  • Auch war ihnen eine fachpädagogische, oder juristische Begleitung verwehrt. So dass ihnen stets 16 intellektuell und organisatorisch weit überlegene Fach- und Rechtsexperten gegenübersaßen, denen es ein leichtes war, den drei einsam agierenden Heimkindervertretern das Zugeständnis abzuringen, dass Zwangsarbeit und systematische Menschenrechtsverletzungen im Abschlussbericht nicht als solche benannt werden durften, obwohl anderseits die Glaubwürdigkeit zu den Erfahrungsberichten der ehemaligen Heimkinder explizit herausgestellt wurde.


Ein durchsichtiges Vermeidungsmanöver. Denn wären die Begriffe Zwangsarbeit und Systematik im Abschlussbericht eingegangen, hätte die einstigen Heimkinder ein verbindliches Anrecht auf Entschädigung bekommen.

  • So spricht denn auch niemand darüber, dass die sich verweigernden Heimkindervertreter am Ende unter Androhung im Verweigerungsfall gar nichts zu bekommen, zur Zustimmung dieser erbärmlichen Entschädigungsvereinbarung erpresst wurden.

Bis zur Veröffentlichung des Abschlussberichts des runden Tisches haben die Kirchen rein gar nichts dazu beigetragen, um ihren geschädigten Opfern von selbst eine eigenständige Entschädigungslösung anzubieten.
Und sollen nun gemäß der runden Tisch-Vereinbarung sogar noch am günstigsten aus der Affäre kommen.
Unglaublich!!
Obwohl sie 80% aller Kinderheime betrieben und entsprechend zahlreiche Seelenqualen auf dem Gewissen haben, tragen sie vom verfassten 120-Millionen-"Entschädigungspaket" den geringsten Anteil von 20 Millionen Euro je katholischer und evangelischer Kirche.

Dabei entpuppt sich das Entschädigungsmodell bei näherer Betrachtung als schamlose Mogelpackung, wie man sie der Öffentlichkeit und ehemaligen Heimkindern nicht unverfrorener als großmütige Gewissensgabe unterzujubeln versucht.

Denn was haben die ersten festgelegten 20 Millionen mit Entschädigungen zu tun, wenn ehemaligen Heim-Zwangsarbeiter/innen aus diesem Topf lediglich ihre einst vorenthaltenen Löhne und Rentenbeiträge zurück erhalten?
Als bewusste Augenwischerei müssen hier auch jene sinnentleerten Zahlen betrachtet werden, mit denen von verantwortlichen Stellen über durchschnittliche Entschädigungssummen zwischen 2000 - 4000 Euro schwadroniert wird.
Pure Augenwischerei.

Diese Summen wären nur zutreffend, wenn die gesamten 120-Millionen zu realen Entschädigungszahlungen verwendet würden.
Doch davon werden die allermeisten ex-Heimkinder real nicht einen müden Cent sehen, da der Hauptanteil von 100-Millionen Euro, (neben der Verwaltung der regionalen Anlaufstellen und weiteren Forschungsstudien), für die Behandlung der zahlreichen Traumaschäden und Altershilfen vorgesehen ist.
Um jedoch in den "Genuss" einer (nötigen?) Traumatherapie, Mietzuschüssen, oder Pflegehilfe im Alter zu kommen, sollen die ex-Heimkinder erst einmal den Nachweis der im Heim erlittenen Verletzungen erbringen und glaubhaft darlegen, wie konkret ihre einstigen Heimerfahrungen heute ihre gegenwärtige Lebensführung beeinträchtigt.
Diese demütigende Hürde, einfach nur abstoßend.

Wie gesagt aus diesem 100-Millionen Topf sehen ex-Heimkinder real keinen müden Cent.
Entsprechend relativieren sich nun auch ganz schnell die Höhen für den kleineren Topf von 20 Millionen aus denen die ehemaligen jugendlichen Zwangsarbeiter/innen "entschädigt" werden sollen.
Ich nenne es passender Zwangsarbeitsentgeltnachzahlung.

Hier wurde eine geschätzte Zahl von 30000 Anspruchsberechtigten zugrunde gelegt
Wenn diese 20 Millionen nun auf diese 30000 ex-Heimkinder umgelegt werden, dann erhielte jede berechtigte Person gerade mal die einmalige Durchschnittssumme von 666 €.
Sollten mehr als die geschätzten 30000 früheren Arbeitskräfte ihr entgangenes Entgelt einfordern, verringert sich dieser Betrag entsprechend niedriger.

Also was die Beteiligten des runden Tisches da ausgehandelt, bzw. von den Heimkindervertretern/in erpresst wurde, kann nur als Verhöhnung aller ehemaligen Heimkinder bezeichnet werden.
Siehe die bestechende Ergebnisanalyse von Professor Kappeler der sich als einer der ganz wenigen Fachkräfte mit beispielhaften Engagement für die Opfer der einstigen Heimerziehungspraktiken einzusetzen versucht, während das Gros aller FACHLRÄFTE zu all dem bekannt gewordenen Unrecht schweigen. Wo bleibt deren Bekenntnis zum Schutz von Kindern und unserer sozialen Staatsgemeinschaft?

Das Entschädigungsmodell des Runden Tisches bietet zumindest gar keine echten Entschädigungen an, sondern besteht lediglich aus Entgelt/Rentennachzahlungen und fragwürdigen Hilfsangeboten im therapeutischen Sinne, die ich seitens Täterorganisationen gegenüber ihren einstigen Opfern als banale Selbstverständlichkeiten erachte.

Ehemalige Heimkinder wünschen sich indes eine reale Entschädigung für all den Schmerz und Pein, die sie in vorgeblich beschützenden Heimeinrichtungen unter christlich und moralisch lauteren Ansprüchen, über sich ergehen lassen mussten.

Sie erwarten demnach von unserem sozialen Rechtsstaat, für all die lebenslangen Benachteiligungen entschädigt zu werden, die durch vorenthaltene Bildungsmöglichkeiten, zerschlagenes Selbstvertrauen und anerzogene Unselbstständigkeit verursacht wurden.

Dazu zählen Folge-SCHÄDEN, wie Verarmung, Suchtverhalten, Kriminalität, Minderwertigkeitskomplexe Depressionen, sozialen Angstzustände, Bindungsunfähigkeit und andere Dinge mehr, die diese Menschen zeitlebens an der Entfaltung von Lebensfreuden/Glück und Erfolgen hinderten, wie sie Menschen mit behüteten Kindheiten nahezu naturgegeben sind.

So selbstverständlich wie heute jeder für sich die Unverletzlichkeit seiner persönlichen Integrität in Anspruch nimmt, so selbstverständlich dürfte jeder Mensch das besondere Anrecht schutzbedürftiger Heimkinder auf körperliche und seelische Unversehrtheit erkennen.
Doch genau dies haben unsere Kirchen und staatlichen Aufsichtsämter durch ihre Versäumnis christlicher Achtung und amtlichen Pflichtverletzungen gegenüber diesen einstigen Heimkindern nicht nur geduldet, sondern gleichwohl aktiv beschädigt.

Und zwar soweit geschädigt, dass sich zahlreiche ehemalige Heimkinder aufgrund ihrer seelischen Verletzungen bereits frühzeitig von eigener Hand das Leben nahmen und noch viele mehr diesen Schritt erfolglos versuchten.
Bedarf es eines größeren Beweises, wie verzweifelt sich diese Menschen in seelischer Not befanden/befinden, deren Lebensgrundfesten unter kirchlicher und staatlicher Verantwortung massivst beschädigt wurden?

Als bittere Farce erweisen sich mit diesem Entschädigungsmodell nun alle staatstragenden Beteuerungen von Betroffenheit, wenn sich damit erweist, dass bei kirchen- und staatsverantwortlichen Führungskräften damals wie heute die Einsicht für verantwortungsbewusstes Handeln fehlt und man sich nun dermaßen beschämend aus der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung zu stehlen versucht.
Ja sich nicht einmal zu schade ist gleichwohl staatsgelittene Holocaustopfer als Schutzschild zur Abwehr von angemessenen Entschädigungsansprüchen zu missbrauchen!
Warum?

  1. Weil es nach Ansicht von Frau Vollmer nicht angeht das Heimkinder mit einem Vielfachem der 4,4 Milliarden Euro entschädigt werden, mit dessen Summe sich die BRD zwischen 2004- 2007 ihrer moralischen Verpflichtung gegenüber 1,7 Millionen Zwangsarbeiter des dritten Reiches entledigte.
  2. Bewusst alles vermieden wurde, um jugendliche Zwangsarbeit und systembedingte Menschenrechtsverletzungen anzuerkennen, da diese beiden Tatbestände nicht verjähren können. Wäre der Begriff Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen anerkannt worden, hätten ausnahmslos alle ehemaligen Heimindern einen rechtsverbindlichen Entschädigungsanspruch gehabt. Doch dies hat der runde Tisch zugunsten einer öffentlichen Blamage vereitelt, um nicht als Rechtsstaat mit einem inneren Unrechtssystem am weltweiten Pranger zu stehen.

So ein Verhalten ist eines sozialen Rechtstaates unwürdig. Insbesondere wenn man daran denkt, wie eilfertig unsere Staatsführung darbenden Großbanken, die sich an den internationalen Börsen selbstverschuldet verzockt hatten, sofort milliardenschwere Rettungsschirme andienten, um auf der anderen Seite von Kirche und Staat geschädigte und geschändete Menschen mit lauen Worten abzuweisen. Erbärmlich.

Dabei haben die Forderungen überhaupt nichts mit Habgier zu tun, andernfalls niemand eine Versicherung in Anspruch nehmen dürfte, um für einen ereilten Schaden entschädigt zu werden.
Diesen Anspruch kann dieser Staat nicht unter Hinweis rechtstaatlicher Verjährungsfristen abweisen, da sich dieser Staat auch zu jener Zeit als Rechtsstaat definierte, als er nach rechtstaatlichen Grundsätzen Kinder und Jugendliche den beklagten Kinderheimen zuführte.

Ohne Zweifel bestand eine durchgehend schädigende Systemrelevanz, die meiner Ansicht nach den Anspruch einer umfassenden Pauschalentschädigung rechtfertigt und zwar für Ost und Westheimkinder gleichermaßen.
Warum die ostdeutschen Heimkinder und noch ärger betroffene behinderte Heimkinder von allen bisherigen Verhandlungen völlig ausgeschlossen blieben, kann nur als weitere Steigerung aller bisherigen Skandalvorgänge registriert werden.

Diese gehören selbstverständlich genauso für ihr erlittenes Leid entschädigt, wie all jenen eine weitere und höhere Entschädigung zustehen sollte, die in ihren Heimen besonders grausam misshandelt oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren.


 

Zusammenfassend zeigt das bisherige Vermeidungsverhalten von Kirchen- und Staatsverantwortlichen, dass sie nichts aus dem erlittenen Unrecht der ehemaligen Heimkinder gelernt haben.

Weder gegenüber all den unberücksichtigten Heimkindern, die ihrem Leben bereits durch eigene Hand ein Ende setzten.

Weder gegenüber jenen die ihr Martyrium überlebt haben.

Und noch weniger gegenüber jenen Kindern, die auch künftig noch auf Erziehungsheime angewiesen sein werden, weil unser Staat nicht bereit ist, auf erkennbare gesellschaftliche Defizite mit adäquaten Bildungsangeboten entgegenzuwirken für dessen Erfordernisse ich schon seit einiger Zeit vergeblich um Aufmerksamkeit bitte.

Mit der abschließenden Entschädigungsempfehlung des runden Tisches wurden diese gezeichneten Menschen ein weiteres Mal mit der kalten Fratze eines "christlich" gesinnten Rechtstaates konfrontiert, um völlig berechtigte Forderungen nach ausgleichender Entschädigung mit Hinweis auf Habgier seiner Opfer und mangelnden Zuständigkeiten ein weiteres Mal zu demütigen.

Ein Skandal wie er kaum schlimmer zum Tragen kommen könnte.

Deshalb kann ich an dieser Stelle nur an alle ehemaligen Heimkinder appellieren, sich von dieser abgekarteten Inszenierung zwischen Kirche und Staat nicht entmutigen zu lassen, sondern lasst uns in einer jetzt erst Recht Protesthaltung alle gemeinsam statt einsam für ANGEMESSENE Entschädigungen eintreten!

Da es hierzu organisatorisch an jeder ernstzunehmenden Alternative fehlt, sehe ich im Verein ehemaliger Heimkinder die einzige verbleibende Chance, um etwa über den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte unsere Verantwortlichen aus Kirche und Staat zu zwingen ihrer Verpflichtung gegenüber ihren einstigen Opfer endlich in angemessener Weise nachzukommen.

Angesichts der demonstrativen Vermeidungshaltung unserer kirchlichen und staatlichen Führungskräften kann ich nur noch einmal hervorheben, wie schauderhaft sich in der bisherigen Entschädigungsvereinbarung des runden Tischen das wahre Antlitz unseres christlichen, sozialen Rechtstaat widerspiegelt.

Ich sage nur noch armes Deutschland.
Klaus Klüber

13. Dezember 2010

 

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