Es wird wichtig bleiben, sich gegen Manipulationsversuche zu wehren

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Es wird wichtig bleiben, sich gegen Manipulationsversuche zu wehren

Behindertenvertreter Klaus Dickneite zu seiner Rolle am „Runden Tisch sexueller Mißbrauch“

 

Herr Dickneite, was machen Sie am „Runden Tisch sexueller Missbrauch“ in Berlin?

Ich bin Vertreter des Deutschen Behindertenrates. Das war die einzige Möglichkeit, überhaupt einen Vertreter am Runden Tisch zu haben, der die Interessen von Menschen mit Behinderungen dort einbringen kann. Einerseits bringe ich die Probleme behinderter Menschen ein, andererseits habe ich mich aber auch von Anfang an als Betroffener geoutet.

Seit wann sind Sie am Runden Tisch Bergmann?
Dort bin ich seit etwa Ende 2009. Dieses Gremium ist übrigens nicht als ein Runder Tisch von Frau Bergmann zu verstehen. Er wurde im Auftrag des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung installiert. Dort konnte ich inzwischen erreichen, dass noch ein weiteres Mitglied des Deutschen Behindertenrates beteiligt wird. Dabei handelt es sich um eine Kollegin, die selbst auch behindert ist, aber nicht betroffen durch sexuellen Mißbrauch. Sie ist allerdings seit vielen Jahren in der Beratung von sexuell misshandelten behinderten Frauen tätig.

Zu welchen Ausschüssen werden Sie zusätzlich hinzugebeten?

Ich bin ordentliches Mitglied der Arbeitsgruppe des Runden Tisches im Justizministerium, wo es im Prinzip um die juristische Würdigung des Tatbestandes geht. Meine Kollegin ist in der Arbeitsgruppe des Familienministeriums, in der vor allem über Prophylaxe und über Fragen der Fort- und Weiterbildung zur Vermeidung von Misshandlungen beraten wird.

Welchen Eindruck haben Sie von der Arbeit des Runden Tisches?

Mein Eindruck ist, dass der Runde Tisch in gewisser Weise darunter leidet, dass dort viele Rechtsnachfolger oder potenzielle Vertreter der Organisationen sitzen, in denen Misshandlungen stattgefunden haben. Das heißt, eine wirklich neutrale Beurteilung ist nur bedingt möglich. Die Frage der Misshandlung von Menschen mit Behinderungen ist überhaupt erst mit meiner Mitgliedschaft am Runden Tisch ein aktives Thema geworden. Einigen Mitgliedern des Runden Tisches sexueller Mißbrauch bin ich unbequem. Grundsätzlich werden zwar meine Eingaben zur Notwendigkeit der besonderen Beachtung der Erfordernisse für Menschen mit Behinderungen berücksichtigt. Allerdings kristallisiert sich heraus, dass insbesondere auf der Seite der politischen Vertreter aus dem Bundestag der Versuch gestartet wird, diese Fragen nicht mehr so speziell zuzulassen. Als Begründung wird angeführt, dass dadurch eine Stigmatisierung des betroffenen Personenkreises hervorgerufen würde. Ich halte dieses für ein unglaubliches Vorgehen, um sich den speziellen Notwendigkeiten dieses Personenkreises entziehen zu können. Hier wird es wichtig bleiben, sich gegen solche Manipulationsversuche zu wehren. Allerdings kann ich sagen, dass zumindest in den Arbeitsgruppen meine Beiträge wertgeschätzt werden und mir signalisiert wird, dass ich dort vermisst wurde, wo ich nicht teilnehmen konnte.

Ist die große Teilnehmerzahl kontraproduktiv oder bereichernd für den Tisch?
Nach meiner persönlichen Meinung könnte die Anzahl durchaus kleiner sein, damit der Kreis effektiver arbeiten kann. Möglicherweise wären dann nicht so viele Unterarbeitsgruppen nötig.

Wie ist die Besetzung des „Runden Tisches sexueller Missbrauch“? Wie groß die Anzahl der Opfervertreter, zu denen Sie ja auch zählen?

Die Besetzung des Runden Tisches besteht aus politischen Vertretern der verschiedenen Parteien aus dem Bundestag, unterstützt durch administrative Beamte aus den jeweiligen Ministerien. Ansonsten sind unterschiedliche Organisationen der verschiedenen Kirchen, des Sports, verschiedener Familienorganisationen, Vertreter/innen der Länder, natürlich die Beauftragte für Belange misshandelter Kinder, Frau Bergmann, Frau Vollmer, Vertreter/innen der Aufsichtsbehörden aus den Kommunen und den Ländern vertreten. Opfervertreter gibt es offiziell gar keine und wie gesagt, ich habe mich zwar als Opfer geoutet, bin aber kein offizieller Opfervertreter, sondern nur Vertreter der Behindertenorganisation.

Wo mussten Sie andere Meinungen korrigieren?
In der Regel war es notwendig, bei den verschiedensten andiskutierten Themen jeweils den Blick auf die Erfordernisse für Menschen mit Behinderungen zu lenken, damit die notwendigen Aktivitäten für sie auch in angemessener Weise durchgeführt werden können. Generell ist es bei fast allen Themen notwendig, die beabsichtigten Verabredungen um den Behindertenbereich zu ergänzen. Das heißt allerdings nicht, dass diese Belange in jedem Fall so übernommen werden. Man muß schon kompromissfähig sein, wo es keinen großen Schaden anrichtet.

Wie sehen Sie das Problem des sexuellen Missbrauches behinderter Kinder am Runden Tisch vertreten?

Wenn überhaupt, dann ist das Interesse von sexuell misshandelten Kindern mit Behinderung ausschließlich durch mich und evtl. durch meine Kollegin aus dem Deutschen Behindertenrat. vertreten Man kann allenfalls sagen, dass es erfreulicherweise das ein oder andere Mitglied des Runden Tisches gibt, das erkannt hat, wie wichtig die von uns eingebrachten Argumente sind. Von denen werden wir auch entsprechend unterstützt.

Sie hatten Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit Christine Bergmann. Was haben Sie gefragt, was hat sie geantwortet?

Es hat mehrere Gespräche mit Frau Bergmann gegeben. Im ersten Gespräch in kleinem Kreis haben wir ihr vermittelt, dass bisher die Belange von Menschen mit Behinderung nicht berücksichtigt werden und wir dieses für zwingend notwendig halten. Dabei haben wir ihr Engagement erbeten. Bei dieser Gelegenheit habe ich Frau Bergmann das Buch über die Auswertung der Mißhandlungen im Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein vor 50 Jahren übergeben. Wir haben verabredet, evtl. einen Termin mit unserer „Freien Arbeitsgruppe JHH“ durchzuführen. Das muss allerdings noch organisiert werden. Die folgenden Gespräche fanden meist am Rande der jeweiligen Sitzungen des Runden Tisches bzw. der Arbeitsgruppe im Justizministerium statt und hatten grundsätzlich immer die gleiche Zielrichtung zum Inhalt. Letztendlich führten sie auch dazu, dass ich für eventuelle Fachfragen als Kontaktperson registriert worden bin.

Sie sind Antje Vollmer, ehemalige Vorsitzende des „Runden Tisches Heimerziehung“ begegnet und mussten ihr einmal heftig widersprechen. Worum ging es?

Direkte Kontakte und Begegnungen mit Frau Vollmer gab es nicht. Lediglich im Zusammenhang einer Diskussion in der Arbeitsgruppe, in der sie die Ergebnisse ihres Runden Tisches bzgl. der finanziellen Regelungen erläuterte. Dabei verwies sie immer wieder auf vorhandene gesetzliche Regelungen, die für andere Entschädigungsformen in Art und Menge im Wege stünden und deshalb auch nicht in Frage kämen. Ich habe dem deutlich widersprochen und klar gemacht, dass ich der Auffassung bin, dass auch Gesetze und Verordnungen den jeweilig aktuellen gesellschaftlichen Situationen angepasst werden können und müssen. Ich erwarte, so habe ich ihr vermittelt, dass dieses auch in diesem Zusammenhang geschieht.

Welche Ergebnisse des „Runden Tisches sexueller Missbrauch“ sind zu erwarten?

Es gibt ja schon einige feststehende Ergebnisse. Dazu gehört unter anderem Einvernehmen über die Verlängerung der Verjährungsfrist für sexuell misshandelte Kinder auf 30 Jahre. Außerdem wurde ein sogenannter Leitfaden entwickelt, der dazu Orientierung bieten soll, wie Beteiligte von Ereignissen sexuellen Missbrauchs sich verhalten sollen und wie mit dieser Situation rechtlich umgegangen werden soll.

Die Frage der Entschädigung oder Widergutmachung ist in der letzten Sitzung diskutiert worden. Dazu sind verschiedenste Anregungen gesammelt worden, die jetzt in einer Unterarbeitsgruppe konzeptionell zu einem Vorschlag für den Runden Tisch aufbereitet werden sollen. Es scheint sich herauszukristallisieren, dass eine Fondslösung favorisiert wird, an der sich unterschiedlichste Gruppierungen beteiligen sollen (Kirche, Staat). Aus diesem Fonds sollen die beabsichtigten Entschädigungsleistungen auf Antrag beglichen werden. Jetzt schon hat es aber einige Vertreter gegeben, die ihre Beteiligung an diesem Fonds in Frage stellen. Dazu gehörte zum Beispiel die katholische Kirche, die ihre Ablehnungshaltung damit begründete, dass sie ja bereits dabei sei, Entschädigungsleistungen zu zahlen; darum sähe sie nicht ein, warum sie zusätzliches Geld in den Fonds einzahlen müsse.

Ich erwarte nicht, dass wir wesentlich über die Ergebnisse des „Runden Tisches Heimerziehung“ hinauskommen werden.

 

Das Gespräch mit Klaus Dickneite führte Helmut Jacob.

 

Klaus Dickneite ist Pressesprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, einem Zusammenschluss behinderter ehemaliger Heimkinder und ehemaliger Mitarbeiter. Die neunköpfige Gruppe entstand 2006. Die Leitung der Evangelischen Stiftung Volmarstein weigerte sich als Rechtsnachfolgerin der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein, die Mißhandlungen an behinderten Klein- und Schulkindern überzeugend aufzuarbeiten. Heute, nach dem Wechsel des Stiftungssprechers 2007, ist das Verhältnis entspannt, die Wiedergutmachungsfrage aber erst teilweise gelöst. Als erstes Ergebnis wird ein demnächst gebautes Kinderheim den Namen eines besonders betroffenen Opfers erhalten.

Dickneite verbrachte als Vollwaise seine gesamte Kindheit im Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein bei Hagen. Nach erfolgreicher Ausbildung war er im diakonischen Bereich, unter anderem auch als Heimleiter, tätig. Heute ist er in vielen Behindertenverbänden und als Kommunalpolitiker für die Belange von Menschen mit Behinderungen tätig.

 

Hintergrundinformation:

„Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

Buch der Historiker Schmuhl/Winkler „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen- Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967": http://gewalt-im-jhh.de/Gewalt_in_der_Korperbehinderte/gewalt_in_der_korperbehinderte.html

Arbeit für Menschen mit Behinderung u.a.: http://www.bvkm.de/

http://www.paritaetischer.de/landesverband/top/ueber-uns/verbandsrat/

Politische Arbeit u.a.: http://www.spd-anderten.de/content/54582.php

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