Opfer der Opfer und die Co-Opfer - Lydia S.: Im Namen der Angehörigen

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Im Namen der Angehörigen

07. Februar 2011

Von Lydia S.,  Ehefrau eines Betroffenen

5.000 Euro? Als Anerkennung für erlittenes Leid? Das will ich nicht gehört oder gelesen haben.

Beim ersten „Eckigen Tisch“ am 29. Mai 2010 zeigten sich die anwesenden Jesuiten erstaunt darüber, dass neben und hinter jedem Betroffenen Eltern, Partner und Partnerinnen und Kinder stehen. Sie hatten uns vergessen. Das war echt. Sie hatten einfach nicht nachgedacht.

Teilweise leben die Eltern nicht mehr oder die Partner / Partnerinnen haben sich getrennt. Die meisten Kinder der Betroffenen sind erwachsen. Es wäre interessant, sie über die Erfahrungen mit ihren missbrauchten Vätern zu befragen.

Hat einer sie angehört? Hat einer sich bei den Eltern und Partnern und Kindern entschuldigt? Ich nehme an, dass die Jesuiten uns alle in ihr Abendgebet einschließen. Aber vielleicht sollte ich sie daran erinnern, das zu tun?

Liebe Jesuiten, habt Ihr einmal durchgerechnet, wie viel ein Schulplatz an Euren Schulen die Eltern gekostet hat? Das Canisius-Kolleg war günstig, aber am Aloisiuskolleg und in St. Blasien haben die Eltern mehrere 10.000 DM bezahlt im Laufe der Schulzeit ihrer Kinder, die dort missbraucht wurden.

Manche der Schüler wurden der Schule verwiesen und zerbrachen daran, leben im Extremfall seit Jahren von Hartz IV. Manche wurden krank, drogenabhängig oder nahmen sich das Leben.

Manche Eltern mussten jahrelang viel Geld in ihre missbrauchten Jungs investieren, damit sie mit Hilfe von Therapien von Drogen loskamen oder weiterleben konnten.

Jede Einzelrechnung übersteigt die Zahl 5000.

Natürlich, diese Summe ist als Anerkennung gedacht.

Wenn ich mein Fahrrad zur Reparatur gebe und es dort geklaut wird oder beschädigt, erhalte ich zumindest den Wert dessen ersetzt, was da als Auftrag vorlag. Und dann könnte man noch über einen Blumenstrauß für den Ärger und den Aufwand nachdenken oder eine Entschuldigung.

Das ist ein einfaches Bild, finde ich.

Nun zu mir. Ich lebe seit vielen Jahren mit einem schwer erkrankten Betroffenen. Ob seine Krankheit eine Folge der Missbrauchserfahrungen ist, werde ich nie wissen. Jedoch ist mein Partner einer dieser mutigen Männer gewesen, die die Welt verändert haben. Die zunächst allein durch ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu treten, eine Lawine ins Rollen brachten, die uns seit einem Jahr mitreißt. Und ich warte noch auf den Moment, dass wir irgendwo langsamer werden, damit die Bergwacht endlich anfangen kann, uns zu befreien.

Mein Mann ist selbstständig und hat seine Arbeitskraft im vergangenen Jahr dem ‚Eckigen Tisch’ und den vielen Betroffenen geschenkt, die sich meldeten und den Kontakt brauchten. Es konnte nicht geschwiegen werden oder zur Tagesordnung übergegangen werden. Diese Menschen fanden im vergangenen Jahr die Kraft, sich zu offenbaren, fremden Männern ihre intimsten und schrecklichsten Geheimnisse zu erzählen. Mein Gott, da muss man reden. Selbst wenn sie es auch nur in Ansätzen gewollt hätte, dies konnte Frau Raue nicht leisten, geschweige denn, dass die Männer sie als Gesprächspartnerin wollten.

Mein Mann – unter anderen – konnte dieser Gesprächspartner sein. Das kostet bis heute Zeit und Kraft und ist notwendig und wichtig. Da haben wir nicht nachgedacht. Das musste sein. Wir schränkten uns ein und er tat, was getan werden musste.

Auch Matthias Katsch tat es. Im vergangenen Jahr wurde er das Gesicht an Stelle all der Betroffenen. Auch er hat das vergangene Jahr dem Ehrenamt gewidmet.

Ich merkte ja auch, welche Kraft diese unbändige Wut des jahrzehntelangen Schweigens freisetzte … durchwachte Nächte, Tage am Computer, Gespräche bis zum Morgengrauen. All die Betroffenen waren plötzlich bedürftig nach diesem Kontakt, dem Kontakt zu den anderen Betroffenen. Das war notwendig und wie Balsam auf ihre offenen Seelenwunden. Keiner konnte schlafen, bis heute nicht.

Es war und ist eine unglaubliche Zeit, aber wir sind pleite nach diesem Jahr. Und ich weiß nicht, wohin das noch führt.

Es wirkt banal, aber wir haben aus Not und Prinzip die Rechnung unserer langen gemeinsamen Paartherapie bei den Jesuiten eingereicht. Hätten wir damals gewartet, wir wären heute kein Paar mehr. Die Ursache unserer Paarprobleme waren eindeutig die Folgen der Missbrauchserfahrungen. In diesem verrückten Jahr könnten wir das Geld wirklich gebrauchen. Aber bislang denken die Jesuiten immer noch darüber nach, ob auch vergangener Therapiebedarf von ihnen ausgeglichen wird.

All die Menschen, die sich an runden Tischen treffen, können ihre Fahrtkosten abrechnen und diese Arbeit in ihrer bezahlten Arbeitszeit erledigen. Wie schön. Aber die eigentlichen Helden? Pech gehabt. Ehrenamt. Gottes Lohn.

Ich neige nicht zu Hysterie, ich bin eigentlich auch nicht unbedingt sarkastisch. Aber wenn ich das nicht schreiben könnte, würde ich platzen. Die Stimme ist mir fast versiegt.

Im Sommer habe ich darüber geschrieben, „welches Leben wir hätten leben können“, im Nachhinein noch einmal durchdacht.

Ja, liebe Jesuiten, was denkt Ihr eigentlich? Es gibt Mütter, deren Söhne nicht mehr mit ihnen sprechen. Es gibt Eltern von Betroffenen, die ihre Söhne für immer verloren haben. Da sind Väter von Betroffenen, die mit den Selbstvorwürfen nicht mehr ruhig schlafen, mit Not vom Amoklauf abgehalten wurden. Ehrlich!

Ehen stehen seit dem vergangenen Jahr auf dem Prüfstein, da die Männer mitgerissen wurden von einem Tsunami und Ehefrauen zum ersten Mal von dem Missbrauch ihrer Partner erfuhren. Kinder sprachen monatelang nicht mit ihren Vätern, da sie diese Offenbarungen nicht hören wollten. Dies zerstörte auch ihre junge heile Welt. Ganz zu schweigen von den Kindern, die selber wiederum auf der Schule des Missbrauchs ihrer Väter sind.

Es tut sich ein riesiges dunkles Loch vor mir auf. All das lässt sich keinesfalls irgendwie vergüten oder aufwiegen mit Geld. Das ist wahr. Aber ein klägliches Monatseinkommen für uns? Entschuldigung, aber da schüttelt es mich bei dem Gedanken. Was sollen wir mit 5.000 Euro? Vielleicht spenden, für die Präventionsarbeit an Jesuitenschulen? Ich weiß auch nicht. Das ist alles sehr bitter.

Ich möchte die Geschichten der Partner und Partnerinnen dokumentieren, ich möchte die Eltern hören. Wir sollten das veröffentlichen, damit der Täter-Orden und die Täterschutzorganisation katholische Kirche über das nachdenkt, was sie seit einem Jahr weiterhin tun: Sie verletzen mit jeder einzelnen Äußerung, die sie zu diesem Thema tätigen.

Schweigen Sie still und denken Sie nach! Denken Sie einfach einmal nach!

Lydia S.

PS: Ich freue mich über Reaktionen von Betroffenen und deren Angehörigen – entweder als Kommentar (für alle lesbar) oder an mich persönlich unter lydia@eckiger-tisch.de


Dank der Autorin für die Genehmigung zur kompletten Textübernahme

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