Monday, 23. may 2011 1 23 /05 /Mai /2011 01:08

Ich nehme die Entschuldigung nicht an - Helmut Jacob privat an die Evangelische Stiftung Volmarstein

 

Helmut Jacob

Am Leiloh 1

58300 Wetter

16. 05. 2011

 

 

Helmut Jacob Ÿ Am Leiloh 1 Ÿ 58300 Wetter

 

Evangelische Stiftung Volmarstein

Kuratorium - Aufsichtsrat - Vorstand

Hartmannstraße

58300 Wetter

 

 

 

Ihr Schreiben vom 12. Mai 2011

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/ESV_Ablehnung_Opferrente_120511.pdf

 

Vergangenheitsbewältigung ist nur dann glaubhaft, wenn man bereit ist, für die Opfer auch Opfer zu bringen.
Dipl.-Theologe/Dipl.-Psychologe Dierk Schäfer
http://dierkschaefer.wordpress.com/2010/07/25/ein-neues-stuttgarter-schuldbekenntnis/

 

Die dritte Demütigung
Missbrauchte Heimkinder haben Respekt verdient. Und Geld.
Was kostet ein verpfuschtes Leben? Wie viel Geld braucht es, um das Unrecht, das zahllosen Heimkindern im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre zugefügt wurde, zu sühnen? Und ist Sühne überhaupt möglich? Es ist das selbe Dilemma, das sich auch im Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern gestellt hat: Was geschehen ist, lässt sich nicht mit Geld aus der Welt schaffen. Und doch können finanzielle Hilfen für die Opfer auch noch nach Jahrzehnten ein Weg sein, die Vergangenheit erträglicher zu machen. Im Fall der Heimkinder sind solche Zahlungen sogar unumgänglich. ...
Gibt es am Ende gar kein Geld für die Heimkinder? Das wäre nach dem Missbrauch und dem jahrzehntelangen Schweigen darüber die dritte Demütigung für die Opfer.
http://www.zeit.de/2010/50/P-Missbrauch-Kinder

 

Viele ehemalige Heimkinder leiden bis heute unter den traumatischen Erlebnissen ihrer Schulzeit. Sie brauchen Geld, für Therapien oder weil sie, so die bittere Ironie der Geschichte, nicht selten in ähnlich prekären Verhältnissen leben, derentwegen sie die Jugendämter seinerzeit in Heime abgeschoben haben. Es werden erhebliche Summen sein müssen, wenn sie die Folgeschäden der Heimunterbringung dieser Menschen wirksam lindern sollen – in Einzelfällen auch mehr als hunderttausend Euro.
http://www.zeit.de/2010/50/P-Missbrauch-Kinder?page=2

 

„Wenn das bestehende Recht nicht ausreichen sollte, angemessene Entschädigungen zu zahlen, stehen deshalb die Träger der Heime in der moralischen Pflicht, über eigene Modelle der Hilfe nachzudenken. Denn eines darf nicht sein: dass nach Jahrzehnten des Unter-den-Teppich-Kehrens die letzte Chance vertan wird, den immer älter werdenden Opfern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.“

http://www.presseportal.de/pm/58964/1354765/neue_osnabruecker_zeitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

fünf Jahre hat es gebraucht, bis die Verbrechen an den Hilflosesten der Gesellschaft, nämlich an behinderten Klein- und Schulkindern, ansatzweise aufgearbeitet werden konnten. Viele Verbrechen bleiben in ihrer Häufigkeit im Dunkeln. So beispielsweise das Leid der Kleinkinder auf der Kleinkinderstation, die Gewalt gegen Kinder in anderen Häusern und die sexuelle Gewalt. Zu wenig Opfer der Orthopädischen Anstalten Volmarstein (OAV) haben den Mut gefasst, ihr Leiden auszusprechen. Viele von ihnen haben auch gesagt: „Das bringt sowieso nichts“. Wir wissen von Ehemaligen, die unermessliche Gewalt ertragen mussten. Sie äußern sich nicht. In diesem Zusammenhang denke ich an „Jaschko“, dem die Sadistin Gertraude Steiniger ihren Gehstock, der ihre Behinderung ausgleichen sollte, so ins Kreuz schlug, dass dieser schwere Stock zerbrach.

 

Am 19. März 2006 begann durch einen Leserbrief der Aufarbeitungsprozess.

http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/wie_alles_begann_-_presseberic.html

Erst dreieinviertel Jahre später hat die Evangelische Stiftung Volmarstein (ESV) den Mut zu einer scheinbar aufrichtigeren Entschuldigung gefunden.

http://gewalt-im-jhh.de/-_Entschuldigung_ESV/-_entschuldigung_esv.html

 

Die Entschuldingungsformulierungen des vorherigen Stiftungssprechers Ernst Springer in seiner „Volmarsteiner Erklärung“ konnten von niemandem ernst genommen werden und wurden auch von der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ (FAG) als Unverschämtheit betrachtet, hier unter anderem die Heranziehung von Zitaten aus dem Alten Testament zur teilweisen Rechtfertigung der Gewaltexzesse sadistischen Personals (siehe Anhang S. 10, 11).

http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/volmarsteiner_erklarung_von_er.html

 

Die Frage, ob wir die neue Entschuldigung annehmen, hat die Arbeitsgruppe bewusst zurückgestellt. Sie war auch mit diesen Formulierungen nicht einverstanden, sah allerdings das

Dilemma, in dem sich Pfarrer Dittrich befand. Die FAG meinte erkannt zu haben, dass Dittrich auch nur ausführende Person des Aufsichtsrates und Kuratoriums sein kann. Wir können uns auch heute nicht vorstellen, dass er kritische Worte zu den lächerlichen angeblichen Aufarbeitungsbemühungen seines Vorgängers Springer formulieren darf, zumal der Kuratoriums- und Aufsichtsratsvorsitzender in Union Hans-Dieter Oelkers mit Springer befreundet war.

 

So haben wir die Frage offen gelassen, ob wir diese Entschuldigung annehmen und beschlossen, auf die Taten der Wiedergutmachung zu warten. An den Taten wollten wir uns orientieren und uns dann für oder gegen die Annahme der Entschuldigung entscheiden. Nun liegen alle Fakten auf dem Tisch und ich schicke voraus:

Ich nehme die Entschuldigung nicht an.

 

Dabei spreche ich nicht für die Arbeitsgruppe, auch, weil ich nicht mehr ihr Sprecher bin. Ich weiß auch nicht, ob und wie die FAG diese Absage der Opferrente beurteilt. Dennoch möchte ich als Privatperson und stark betroffenes Opfer von Gewalt und Terror begründen, warum ich die Entschuldigung nicht akzeptieren darf:

 

Ich empfinde das Entschuldigungsschreiben der ESV vom 15. Juni 2009 als Beleidigung. Es war nicht nur die fehlende persönliche Ansprache, die mir den Eindruck einer Postwurfsendung aufdrängte. Ich finde jeden Satz kritikwürdig und stellenweise skandalös.

 

Wenn die ESV schreibt, daß erst durch die Wissenschaftler das Ergebnis vorliegt, ignoriert sie die  Ergebnisse der FAG, die bereits seit November 2008 nicht nur der ESV vorliegen, sondern gleichzeitig veröffentlicht wurden.

 

Die Formulierung „war es im wesentlichen eine schlimme Zeit“ ist eine Verharmlosung der Verbrechen, die in dieser Zeit stattgefunden haben. Hier verweise ich auf Kapitel 5 unserer Ausarbeitung und auf die Auflistung der Verbrechen

http://gewalt-im-jhh.de/Zusammenfassung_der_Aufarbeitu/zusammenfassung_der_aufarbeitu.html

 

Hier noch einmal – für Nicht-PC-Besitzer - eine Zusammenstellung:

 

Zu den einzelnen Misshandlungen und Straftaten

Eindeutig an erster Stelle, weil am häufigsten genannt, sind Schläge und sonstige körperliche Misshandlungen sowohl durch den größten Teil der Stationsschwestern als auch durch drei Lehrerinnen und den ersten Schulrektor. Zu dieser Kategorie zählen:

 -         Hiebe mit dem Krückstock auf die Finger

-         Hiebe mit dem Krückstock auf den Kopf, gegen den Rücken, in die Kniekehle

-         Unkontrollierte Hiebe mit dem Krückstock ohne Beachtung des Ziels

-         Schläge mit den Fäusten auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Ohren

-         Schläge mit den flachen Händen ins Gesicht und auf die Ohren

-         Das Schleudern des kindlichen Körpers gegen Heizungsrohre

-         Aufschlagen des Kopfes auf die Pultplatte

-         Einquetschung des Kopfes in die Flügel der klappbaren Schultafel

-         Traktieren der „Eckensteher“ mit dem Stock - wenn sie gefallen sind - solange, bis sie wieder aufstanden

-         Werfen von Gegenständen nach Kindern

-         In einem Fall: Zusammentreten eines Kindes, dass zuvor unter dem Lehrerpult gefangen gehalten wurde

-         Kindern an den Haaren ziehen und dabei über den Holzfußboden ziehen

-         Kinder ohne Vorwarnung schlagen

Weitere Gewalttätigkeiten bestanden in der Ausübung psychischer Gewalt:

 -         Kleinkinder mit dem „Bullemann“ oder der Leichenhalle drohen

-         Kleinkinder und andere Kinder in permanente Angstzustände versetzen durch Drohungen, unangekündigte Schläge, Schlafentzug, unkontrollierte Gefühlsausbrüche

-         Zerstörung jeder Regungen von Mitgefühl für die Mitschüler durch Aufstachelung zur Anzeige irgendwelcher Vergehen (hat ins Bett gemacht, hat wieder mit dem Kopf gewackelt) und Belohnung in Form wohlwollender Zuwendung (freundliche Worte)

-         Isolationsfolter, stundenlanges, tagelanges, wochenlanges Einsperren in Badezimmer, Abstellraum oder Wäschekammer - oder im Urlaub in einem leeren Zimmer.

-         Beleidigung: „Du bist nicht dumm, sonder asozial.“

-         Psychische Folter: Insekten ins Bett legen und Betroffene zwingen, sich nackt auf die teils lebenden Insekten zu legen.

-         Anstiftung zum Denunzieren.

-         Aufforderung einzelner Mitarbeiter an einzelne Kinder einzelne andere Kinder zu schlagen.

Sexueller Missbrauch

Hier sind an erster Stelle die Verbrechen des Rektors F. zu nennen, der sich an mindestens 5 Schülerinnen und Schüler verging und zusah, wenn andere dies taten. In diese Kategorie sortieren wir aber auch ein:

-         Zur-Schau-Stellung der sekundären Geschlechtsmerkmale

-         Stimulierung und Erregung von Jugendlichen unter Einsatz des Waschlappens und Seife, wobei die direkte Berührung mit den Händen nicht ausgenommen war

-         Fortführung dieser Stimulierungen bis zu den bekannten Ergebnissen

-         Hinzuziehung von jungem Personal zur Besichtigung der Geschlechtsregion unter Hinweis auf Pickel, die behandelt werden müssten

-         Anschließende Bestrafung dieser Opfer, weil sie angeblich „Schweine“ seien.

-         Auskleiden und neu Einkleiden von Mädchen, bereits im Speisesaal vor allen anderen Mädchen

-         Untersuchung der Brüste und des Intimbereiches auf Weiterentwicklung, wobei vordergründig Büstenhalter angepasst werden sollten

-         Herunterziehen der Hose wenigstens eines männlichen Schülers durch die Lehrerin ST

Weitere Brutalitäten:

-         Wegnahme des Spielzeugs

-         Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr; In einigen Fällen bis zur Reduzierung auf eine halbe Tasse Muckefuck pro Tag

-         Zertreten und Zerstören von Spielzeug

-         Schwere körperliche Arbeit, in einem Fall bereits ab 7 Jahren. Alle Ehemalige, die zu körperlicher Arbeit fähig schienen, wurden eingesetzt.

-         Verletzung des Briefgeheimnisses, Zensur der ausgehenden Briefe, Verhinderung von Briefsendungen, Vorenthaltung von Briefeingängen.

Zur medizinischen Versorgung:

-         Fehlende Medikamente, da diese in die DDR verschickt wurden.

-         Fehlende Behandlung von Mittelohrentzündungen, in deren Folge es zu Operationen und einseitigen Taubheiten kam.

-         Keine Behandlung zumindest einer Mittelohrvereiterung

-         Druckstellen wurden erst behandelt, wenn sie völlig vereitert waren (HD).

-         Abbruch der bis dahin medizinischen Behandlung nach Einweisung ins JHH (HO).

 

Selbst, wenn wir nur die bereits von Springer in der „Volmarsteiner Erklärung“ zugegebenen Verbrechen berücksichtigen, stellt obige Formulierung „war es im wesentlichen eine schlimme Zeit“ eine Verharmlosung dar.

http://gewalt-im-jhh.de/ESV_will_Schreckenszeit_im_Int/ESV_7kurz.jpg

 

Die ersten Sätze des zweiten Abschnitts des Entschuldigungsschreibens sind schlichtweg inakzeptabel! Zitat: „Die damaligen Verstöße stellen nach heutiger Erkenntnis massives Fehlverhalten dar. Sie waren of­fensichtlich leider keine ,Einzelfälle‘, wie wir zunächst vermuteten, sondern weit mehr: Kinder und Jugendliche in diesem Haus waren Übergriffen von Mitarbeitenden ausgesetzt, die eigenmächtig einem falsch verstandenen pä­dagogischen Verständnis nacheiferten. Es sah Bestrafung in übelster Weise vor und ließ die Würde und die Achtung vor dem Mitmenschen völlig außer acht.“

 

„Die damaligen Verstöße“ waren Verbrechen! Sie stellten nicht erst „nach heutiger Erkenntnis“ und schon gar nicht „massives Fehlverhalten“ dar, sondern waren auch schon zu damaliger Zeit justiziable Verbrechen. Wir haben die ESV in unserer Dokumentation vom November 2006 sogar die entsprechenden Paragraphen herausgesucht. Diese schlichtweg zu ignorieren, empfinde ich persöhnlich als Verhöhnung unserer gesamten Arbeitsgruppe, zumal selbst in dem Buch der Historiker auf die Tatsache hingewiesen wurde, dass hier teils justiziable Taten stattfanden.

 

Wenn im Folgenden von „eigenmächtig“ handelnden Mitarbeitern gesprochen wird, so werden die Eingaben des damaligen Diakonenschülers Jochen Twer bei Anstaltsleiter Ernst Kalle, der Diakonischen Helferin Christel Reuter bei der Hausleiterin Schwester Elfriede, die Eingaben des Mitschülers Wolfgang Möckel ebenfalls bei Kalle, Proteste einiger Eltern bei Kalle und Elfriede, völlig ignoriert und damit elegant vertuscht, daß diese Eigenmächtigkeiten von oben gedeckt wurden. Niemand, außer ansatzweise Steiniger, hat „einem falsch verstandenen pädagogischen Verständnis“ nachgeeifert. Weil es keine pädagogischen Konzepte gab oder zumindest nicht nach ihnen vorgegangen wurde.

 

Wir wären ja schon froh gewesen, wenn es nur „Bestrafung in übelster Weise“ gewesen wäre. Dann könnte man diese Bestrafung im Kontext der Zeit betrachten. Diese Gewaltorgien fanden allerdings oft völlig ohne Grund und völlig ohne Bezug statt. Sie waren unkontrolliert, geschahen überwiegend unangekündigt, willkürlich und hatten oft stark ausgeprägte sadistische Züge.

 

„Die Würde und die Achtung vor den Mitmenschen“ wurde nicht erst im Zuge der „Bestrafung in übelster Weise“ mit Füßen getreten, sondern beispielsweise bereits im Hinblick auf die Unterkünfte. Oder können Sie in den Massenunterkünften, ohne persöhnliche Rückzugsmöglichkeiten, „Würde und Achtung vor dem Mitmenschen“ erkennen?

http://gewalt-im-jhh.de/Das_Johanna-Helenen-Heim_1955-/das_johanna-helenen-heim_1955-.html

 

„Auch die Leitung hat nicht angemessen reagiert“, schreiben Sie in Ihrer Entschuldigung. Wie bitte ? Sie hat überhaupt nicht reagiert. Sie ist ihrer Aufsichtspflicht sträflichst nicht ansatzweise nachgekommen; mehr noch: sie hat Beschwerden abgewimmelt. Sie selbst wurde Täter.

 

„Daneben hat es auch damals Mitarbeitende gegeben, die Ihnen zur Seite gestanden und Ihnen so auch vielleicht manche Hilfestellung gegeben haben.“, heißt es weiter. Es fehlt der Hinweis, daß diese Mitarbeiter Repressalien ausgesetzt waren und z. B. Diakonenschüler Twer massiv unter Druck gesetzt wurde, seinen Praktikumsbericht

http://gewalt-im-jhh.de/Auszug_aus_einem_Praktikumsber/auszug_aus_einem_praktikumsber.html

zurückzunehmen, was er nicht tat.

 

Zitat aus dem Entschuldigungsschreiben: „Dass damals die Leitung der Stiftung in finanziell angespannter Zeit auf die Zuweisung von öffentlichen Mitteln wartete, um durch einen Neubau die schlechten räumlichen Verhältnisse zu verbessern und zu überwinden, er­klärt vielleicht manches. Aber dies entschuldigt nicht die bedrückende Situ­ation, wie sie in Einzelschilderungen beschrieben wird.“

 

Obwohl es die ESV längst anders weiß, arbeitet sie immer wieder mit dem Totschlagargument geringer Geldmittel und betont auch hier die „finanziell angespannte Zeit“. Dabei haben wir mehrmals aufgezeigt, daß es trotz „finanziell angespannter Zeit“ in anderen Häusern besser war, es menschenwürdiges Essen gab und keine Gewaltorgien stattfanden. Die Hausenge war auch gar nicht das Urproblem der Kinder. Die Gewalt, das Eingesperrtsein, die wenigen Freigänge auf dem winzigen Hof, die permanente Angst, haben die „bedrückende Situation“, wie die ESV diesen Zustand umschreibt, ausgemacht.

http://gewalt-im-jhh.de/Das_Johanna-Helenen-Heim_1955-/Hof.jpg

 

„Dass damals die Leitung der Stiftung in finanziell angespannter Zeit“ allerdings Geld für eine noch heute völlig überflüssige neue Kirche sammelte - obwohl eine kaum gefüllte Holzkapelle vorhanden war –

http://gewalt-im-jhh.de/Fakten_zur_Volmarsteiner_Erkla/fakten_zur_volmarsteiner_erkla.html

und: http://gewalt-im-jhh.de/Fakten_zur_Volmarsteiner_Erkla/Martinskirche.JPG

anstatt schimmeliges Brot mit Rübenkraut gegen Brötchen mit Schinken und gekochte Speckschwarten mit Borsten gegen Schnitzel auszutauschen, ist ein Skandal an sich. Selbst in die Holzkapelle wurden nach Berichten ehemaliger Bewohner beispielsweise der Frauenstation des JHH die Behinderten nachdrücklich „eingeladen“ und gegebenenfalls von dem Pfarrer zur Teilnahme am Gottesdienst abgeholt.

 

Weiter heißt es: „Dass Mitte der 90er Jahre Hinweisen auf diese Missstände im Johanna-Helenen-Heim nur sehr zurückhaltend nachgegangen wurde, kann ich mir nur so erklären, dass die Zeit für die Aufarbeitung - wie sie jetzt geschehen ist und geschieht - noch nicht reif war.“

Zwangsläufig stellen sich mir folgende Fragen:

1. Will Pfarrer Dittrich seinen Vorgänger Springer aus der Schußlinie halten? Springer wurde ja 1996 nachweislich von Bach informiert und hat noch im Jahre 2006 versucht, Bach zu diskreditieren.

http://gewalt-im-jhh.de/Grobe_Unwahrheit_-_ESV-Leiter_/Unwahrheit_2klein.jpg

Für Nicht-PC-Besitzer hier aus dem Zeitungsartikel: „´Wie vor den Kopf geschlagen` sei die Abschiedsgesellschaft 1996 angesichts dieser ´absolut nebulösen` Eröffnungen gewesen. Es sei das Problem von Ulrich Bach, ´dass er ein absolut verschlüsselter Mensch ist`, erklärt Springer, warum diese Schilderungen damals keine Nachforschungen nach sich gezogen hätten.“

2. Wann bitteschön darf denn nach Empfinden der ESV der richtige Zeitpunkt für die Aufarbeitung sein?

3. Ist dies denn nach Empfinden der ESV jetzt überhaupt der richtige Zeitpunkt?

4. Wer legt den richtigen Zeitpunkt fest?

5. Ist 40 Jahre später nicht der richtige Zeitpunkt (so z.B. der juristische) schon verpaßt?

 

Im letzten Abschnitt endschuldigt sich die ESV dafür, daß wir „in der genannten Zeit Repressalien ausgesetzt waren, wie sie in der Dokumentation nachzulesen sind.“

Mein Duden sagt dazu:

Re|pres|sa|lie * [...©Ù] <lat.-mlat.> die; -, -n (meist Plural): Druckmittel, Vergeltungsmaßnahme.

(c) Dudenverlag

 

Wie also soll ich diesen Begriff verstehen? Waren es nur Druckmittel? Kann man von Vergeltungsmaßnahmen sprechen, wenn ohne Sinn und Konzept misshandelt wurde und der Strafcharakter oft gar nicht im Vordergrund stand?

 

Warum diese scheinbare Kleinkarriertheit beim Verstehen dieses Endschuldigungsbriefes? Weil diese Formulierungen genau diesen Sprachstil, der flächenübergreifend bei der Abarbeitung der Heimskandale angewandt wird, kopiert. Es ist eine interne Sprachregelung, an die man sich mehr oder weniger hält; zuvor übrigens auch Springer. Es hat eigentlich noch ein Satz gefehlt, um diese Sprachregelung komplett zu dokumentieren: „Heute machen wir alles besser“ oder ähnliches Geschwafel. Das Vorwort der ESV im Buch ähnelt denn auch dem des Vorwortes des Vorstandsvorsitzenden Ulrich Pohl der Bethelschen Anstalten und dem bald erscheinenden Vorwort der Leitung der Stiftung Wittekindshof.

 

Zum Schluß Anmerkungen des Dipl. Theologen / Dipl. Psychologen Dierk Schäfer, Pfarrer i.R.: (mit freundlicher Genehmigung) zu dem Entschuldigungsschreiben, das ich ihm seinerzeit mit der Bitte um eine Stellungnahme zugeschickt habe:

 

sie haben die volle anerkennung bekommen. aber mehr (ich hoffe, nur vorläufig) nicht.
unschön ist der vorsichtige versuch, gut gegen böse abzuwägen, doch auch hier: "die negativen Ergebnisse waren prägender."
was nicht im schreiben steht, sind die seelischen schäden, die sie erlitten haben, schäden, die sich nachhaltig auf die lebensläufe ausgewirkt haben und für die es eine finanzielle kompensation geben muß.
Einige Stunden später in einer zweiten Email:

ich kam spät heim, habe nun zu abend gegessen, und muß noch etwas nachlegen:
das schreiben von herrn dittrich finde ich eher empörend. hätte es sein vorstandskollege, der diplom-betriebswirt neumann geschrieben, wäre ich nachsichtiger.
ich verstehe nicht, warum solche leute pfarrer geworden sind, wenn sie kein herz oder wenigstens verständnis für menschen in schwierigen lagen haben, in diesem fall, für menschen, denen folgenschweres unrecht getan wurde -- und das noch von der institution, die sie vertreten.
natürlich kann man nicht erwarten, daß sich volmarstein für die ehemaligen heimkinder so verschuldet, daß es nicht mehr arbeiten kann, obwohl der wirtschaftliche bankerott nach dem moralischen durchaus folgerichtig wäre.
aber hätte herr dittrich sich in seinem schreiben wenigstens verpflichtet gezeigt, als sachwalter für die ehemaligen heimkinder aus "seinem" heim zu fungieren, hätte er zugesichert, daß er eine schadenskompensation organisieren werde und dazu auch heimmittel, wenn auch nur im bescheidenen rahmen, einsetzen will, dann, aber auch nur dann wäre er glaubwürdig.
doch für diese dinge scheint er blind zu sein. ...
doch eines kann man schon öffentlich herausstellen: ethik wird erst dann richtig glaubwürdig, wenn sie auf dem prüfstand steht und etwas kostet. sonst bleibt sie sonntagsgeschwätz oder -- schlimmer noch -- heuchelei.

 

Ich teile alle Ansichten des Schreibers. Er hat meine Gefühle zu diesem Entschuldigungsbrief wiedergegeben.

 

Welche Taten sind nun aus dem Entschuldigungsschreiben erwachsen?

 

Historiker wurden beschäftigt und ein Buch geschrieben, mit Sicherheit nicht mit dem überzeugten Willen der ESV. Für Springer reichte die vorschnelle Volmarsteiner Erklärung bereits nach einem viertel Jahr.

Ein neues Kinderheim wird nach einem Opfer benannt. Dazu schreibt Dierk Schäfer:

„Die Absicht der Evangelischen Stiftung Volmarstein, ein neues Heim in der Nähe des Johanna-Helenen-Heims nach einem mißhandelten Heimkind zu benennen, ist nach meiner Ansicht die höchste Anerkennung, die auf der symbolischen Ebene möglich ist. Natürlich darf es nicht bei der Symbolik bleiben. Aber wer ein so hohes Symbol setzt, wird sich der Erwartung nicht widersetzen wollen/können, auch die finanzielle Seite der Rehabilitation angemessen zu regeln.“

 

Von Symbolen allein kann man nicht leben. Insbesondere nicht Behinderte, deren Biografie durch die OAV in Schutt und Asche gelegt wurde, die heute arm sind und mit einer geforderten lächerlichen Opferrente von 300 Euro monatlich für absehbare zehn Jahre nach verlorenen Kindheitsjahren wenigstens ein bisschen mehr Würde im Alter erleben wollen. Die Verweigerung dieser Rente und Abwälzung des Problems auf den „Runden Tisch Heimerziehung“ (Vollmer) stellt eine erneute Misshandlung der Opfer der OAV dar. Eine derartige Entsorgung des Problems ist unmoralisch.

 

Die Renovierung einer Wohnung eines Betroffenen nach über zwanzig Jahren mit einer Laufzeit von über einem Jahr ist keine Opferhilfe. Die zugesagte Behindertenassistenz von ein bis zwei Stunden wöchentlich für den selben Betroffenen findet seit Monaten nicht statt. Einem anderen Behinderten wurde eine schöne Wohnung mit großer Terrasse gestellt, allerdings nicht die täglich notwendige  Behindertenassistenz für wenigstens zwei Stunden. So verbringt er mehr oder weniger einsam seine Tage.

 

Weil ich diese Kosmetik nicht als Wiedergutmachung verstehen kann, muss ich die Entschuldigung als unaufrichtig zurückweisen. Andernfalls würde ich meinen geschundenen Mitschülern ins Gesicht schlagen.

 

Mit freundlichen Grüßen


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Thursday, 28. april 2011 4 28 /04 /Apr. /2011 16:15

Ein Jahr “Runder Tisch sexueller Missbrauch”
Bemerkungen von Peter Henselder, Montag, 11. April 2011:
"Der Runde Tisch der Bundesregierung zum sexuellen Missbrauch, der in voller Besetzung, aber auch in Arbeitsgruppen, Untergruppen und Foren einen Weg zu finden versucht, wie dem sexuellen Missbrauch entgegengewirkt werden kann, hat eine Vielzahl von Protokollen hervorgebracht, die auf der Seite des Runden Tisches zum Herunterladen bereit stehen (http://www.rundertisch-kindesmissbrauch.de). So sinnvoll es ist, von jeder Sitzung ein Protokoll anzufertigen, so umständlich ist es, diese sich einzeln anzusehen, auszudrucken und durchzuarbeiten. Hier bot sich an, die Protokolle in chronologischer Abfolge und auf das Wesentliche konzentriert in einen Text zusammenzuführen. Da es sich dabei um eine Nacherzählung handelt, die sich zwar eng an den Text hält, aber freier formuliert, konnten aus stilistischen Gründen zudem sprachliche Verbesserungen und Textstraffungen vorgenommen werden. Zugleich bot dies auch die Möglichkeit, eigene Bemerkungen hinzuzufügen, die zur Unterscheidung in eckige Klammern [ ] gesetzt sind. Wir glauben, daß damit nicht nur den Betroffenen, sondern allen an der Rückdrängung des sexuellen Missbrauchs Interessierten die Arbeit des Runden Tisches leichter zugänglich, und vor allem verständlicher wird. Die kontinuierliche Darstellung der Protokolle gestattet einen Einblick in die Entwicklung des Themas, wie Meinungen ausgetauscht werden und sich verfestigen, neue Aspekte hinzuwachsen, vertieft werden und sich Ansatzpunkte zur Verknüpfung und Kooperation ergeben, so daß am Ende eine in sich stimmige Konzeption vorliegt. Auch wenn gelegentlich der Eindruck entsteht, daß der Anlaß des Runden Tisches, nämlich die Vertuschung, aus dem Blick gerät, so zeigen einige Ausführungen doch auch das Milieu und die Atmosphäre auf, die den sexuellen Missbrauch begünstigen. Niemand hat gern mit dem sexuellen Missbrauch zu tun, entwickelt Abwehrmechnismen, glaubt vielleicht sogar, die eigene Institution vor Nestbeschmutzung bewahren zu müssen. Aber gerade das war der falsche Weg. Man muß sich dem Thema stellen. Doch erschreckt stellt man fest, wie gering eigentlich das Wissen über den sexuellen Missbrauch ist. Deshalb ist es auch so schwierig, sachgerechte Strategien der Abwehr zu entwickeln und die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen richtig einzuschätzen. Der Runde Tisch will ein effektives Instrumentarium schaffen. Somit ist er ein erster und wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Seine Arbeit sollte deshalb auch von vielen wahrgenommen und gewürdigt werden. Die folgende Nacherzählung will zur Darstellung der Bemühungen und Leistungen des Runden Tisches einen Beitrag leisten und hofft auf diese Weise auch Menschen zu erreichen, denen die Protokollform nicht liegt."

 

Protokollzusammenstellung von Peter Henselder:

 

RTsexuellerMissbrauch_Protokolle-Teil1

http://www.top-medien-berlin.de/images/stories/uploads/RTsexuellerMissbrauch_Protokolle-Teil1.pdf
RTsexuellerMissbrauch_Protokolle-Teil2

http://www.top-medien-berlin.de/images/stories/uploads/RTsexuellerMissbrauch_Protokolle-Teil2.pdf
RTsexuellerMissbrauch_Protokolle-Teil3

http://www.top-medien-berlin.de/images/stories/uploads/RTsexuellerMissbrauch_Protokolle-Teil3.pdf

WDR5 - Das Ende des Schweigens
Ein Jahr Missbrauchsdebatte
Vor genau einem Jahr kam Unglaubliches an die Öffentlichkeit: Lehrer des berühmten katholischen Canisius-Kollegs in Berlin sollen jahrelang ihre Schützlinge sexuell missbraucht haben. Die Jesuitenpatres lösten eine beispiellose Debatte über Missbrauch an Kindern und Jugendlichen aus, die katholische Kirche erlebte ihre größte Krise der jüngeren Geschichte. Und die Missbrauchsdebatte weitete sich aus: Mit den Ereignissen etwa in der Odenwaldschule verließ die Debatte den kirchlichen Raum und erreichte bald die politische Ebene. Im Frühsommer beriefen gleich drei Bundesministerinnen einen runden Tisch zum sexuellen Missbrauch ein – und an der Hotline für Missbrauchsopfer stehen seitdem die Telefone nicht mehr still.
Welche gesellschaftlichen Folgen Debatte und Aufklärung hatten, dokumentiert eine Serie im WDR 5 Morgenecho vom 24.-29.1.2011 - hier nach der Sendung zum Nachhören.
Redaktion: Imke Marggraf
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/serienuebersicht/das-ende-des-schweigens.html

1. Teil: Die Kirchenkrise
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/s/d/24.01.2011-06.05/b/serie-teil1-das-ende-des-schweigens-ein-jahr-missbrauchsdebatte.html
2. Teil: Die Erschütterung der Reformpädagogik
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/s/d/25.01.2011-06.05/b/serie-teil2-das-ende-des-schweigens-ein-jahr-missbrauchsdebatte.html
3. Teil: Missbrauch in der evangelischen Kirche
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/s/d/26.01.2011-06.05/b/serie-teil3-das-ende-des-schweigens-ein-jahr-missbrauchsdebatte.html
4. Teil: Am runden Tisch
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/s/d/27.01.2011-06.05/b/serie-teil4-das-ende-des-schweigens-ein-jahr-missbrauchsdebatte.html
5. Teil: Das Ende des Schweigens - Ein Jahr Missbrauchsdebatte
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/s/d/28.01.2011-06.05/b/serie-teil5-das-ende-des-schweigens-ein-jahr-missbrauchsdebatte.html

WDR 5 Stadtgespräch: Alles wieder gut? - Die Kirche nach den Missbrauchsfällen
Der Priester, der kleine Jungen vergewaltigt, der Diakon, der sich zu seinem Zögling ins Bett legt und ... - nachdem die ersten Fälle von sexuellem Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen bekannt wurden, ging es Schlag auf Schlag. Allein im Erzbistum Paderborn haben sich seit Anfang vergangenen Jahres 56 Opfer gemeldet. Auch in der evangelische Kirche wurden Fälle von sexueller Gewalt bekannt.
Doch gut ein Jahr danach ist es wieder ruhig geworden. Wir möchten in unserem Stadtgespräch verstehen, welches System hinter dem sexuellen Missbrauch steht  und wie Missbrauch künftig zu vermeiden ist.
Ton: http://www.wdr5.de/sendungen/wdr-5-stadtgespraech/s/d/21.04.2011-20.05/b/wdr-5-stadtgespraech-alles-wieder-gut.html

Mit den sexuellen Verbrechen an Kindern und Jugendlichen befasst sich auch Norbert Denef, selbst Opfer. Hier seine Seite "NetzwerkB"
http://netzwerkb.org/


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Saturday, 19. march 2011 6 19 /03 /März /2011 23:00

klaus_dickneite.jpg

Es wird wichtig bleiben, sich gegen Manipulationsversuche zu wehren

Behindertenvertreter Klaus Dickneite zu seiner Rolle am „Runden Tisch sexueller Mißbrauch“

 

Herr Dickneite, was machen Sie am „Runden Tisch sexueller Missbrauch“ in Berlin?

Ich bin Vertreter des Deutschen Behindertenrates. Das war die einzige Möglichkeit, überhaupt einen Vertreter am Runden Tisch zu haben, der die Interessen von Menschen mit Behinderungen dort einbringen kann. Einerseits bringe ich die Probleme behinderter Menschen ein, andererseits habe ich mich aber auch von Anfang an als Betroffener geoutet.

Seit wann sind Sie am Runden Tisch Bergmann?
Dort bin ich seit etwa Ende 2009. Dieses Gremium ist übrigens nicht als ein Runder Tisch von Frau Bergmann zu verstehen. Er wurde im Auftrag des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung installiert. Dort konnte ich inzwischen erreichen, dass noch ein weiteres Mitglied des Deutschen Behindertenrates beteiligt wird. Dabei handelt es sich um eine Kollegin, die selbst auch behindert ist, aber nicht betroffen durch sexuellen Mißbrauch. Sie ist allerdings seit vielen Jahren in der Beratung von sexuell misshandelten behinderten Frauen tätig.

Zu welchen Ausschüssen werden Sie zusätzlich hinzugebeten?

Ich bin ordentliches Mitglied der Arbeitsgruppe des Runden Tisches im Justizministerium, wo es im Prinzip um die juristische Würdigung des Tatbestandes geht. Meine Kollegin ist in der Arbeitsgruppe des Familienministeriums, in der vor allem über Prophylaxe und über Fragen der Fort- und Weiterbildung zur Vermeidung von Misshandlungen beraten wird.

Welchen Eindruck haben Sie von der Arbeit des Runden Tisches?

Mein Eindruck ist, dass der Runde Tisch in gewisser Weise darunter leidet, dass dort viele Rechtsnachfolger oder potenzielle Vertreter der Organisationen sitzen, in denen Misshandlungen stattgefunden haben. Das heißt, eine wirklich neutrale Beurteilung ist nur bedingt möglich. Die Frage der Misshandlung von Menschen mit Behinderungen ist überhaupt erst mit meiner Mitgliedschaft am Runden Tisch ein aktives Thema geworden. Einigen Mitgliedern des Runden Tisches sexueller Mißbrauch bin ich unbequem. Grundsätzlich werden zwar meine Eingaben zur Notwendigkeit der besonderen Beachtung der Erfordernisse für Menschen mit Behinderungen berücksichtigt. Allerdings kristallisiert sich heraus, dass insbesondere auf der Seite der politischen Vertreter aus dem Bundestag der Versuch gestartet wird, diese Fragen nicht mehr so speziell zuzulassen. Als Begründung wird angeführt, dass dadurch eine Stigmatisierung des betroffenen Personenkreises hervorgerufen würde. Ich halte dieses für ein unglaubliches Vorgehen, um sich den speziellen Notwendigkeiten dieses Personenkreises entziehen zu können. Hier wird es wichtig bleiben, sich gegen solche Manipulationsversuche zu wehren. Allerdings kann ich sagen, dass zumindest in den Arbeitsgruppen meine Beiträge wertgeschätzt werden und mir signalisiert wird, dass ich dort vermisst wurde, wo ich nicht teilnehmen konnte.

Ist die große Teilnehmerzahl kontraproduktiv oder bereichernd für den Tisch?
Nach meiner persönlichen Meinung könnte die Anzahl durchaus kleiner sein, damit der Kreis effektiver arbeiten kann. Möglicherweise wären dann nicht so viele Unterarbeitsgruppen nötig.

Wie ist die Besetzung des „Runden Tisches sexueller Missbrauch“? Wie groß die Anzahl der Opfervertreter, zu denen Sie ja auch zählen?

Die Besetzung des Runden Tisches besteht aus politischen Vertretern der verschiedenen Parteien aus dem Bundestag, unterstützt durch administrative Beamte aus den jeweiligen Ministerien. Ansonsten sind unterschiedliche Organisationen der verschiedenen Kirchen, des Sports, verschiedener Familienorganisationen, Vertreter/innen der Länder, natürlich die Beauftragte für Belange misshandelter Kinder, Frau Bergmann, Frau Vollmer, Vertreter/innen der Aufsichtsbehörden aus den Kommunen und den Ländern vertreten. Opfervertreter gibt es offiziell gar keine und wie gesagt, ich habe mich zwar als Opfer geoutet, bin aber kein offizieller Opfervertreter, sondern nur Vertreter der Behindertenorganisation.

Wo mussten Sie andere Meinungen korrigieren?
In der Regel war es notwendig, bei den verschiedensten andiskutierten Themen jeweils den Blick auf die Erfordernisse für Menschen mit Behinderungen zu lenken, damit die notwendigen Aktivitäten für sie auch in angemessener Weise durchgeführt werden können. Generell ist es bei fast allen Themen notwendig, die beabsichtigten Verabredungen um den Behindertenbereich zu ergänzen. Das heißt allerdings nicht, dass diese Belange in jedem Fall so übernommen werden. Man muß schon kompromissfähig sein, wo es keinen großen Schaden anrichtet.

Wie sehen Sie das Problem des sexuellen Missbrauches behinderter Kinder am Runden Tisch vertreten?

Wenn überhaupt, dann ist das Interesse von sexuell misshandelten Kindern mit Behinderung ausschließlich durch mich und evtl. durch meine Kollegin aus dem Deutschen Behindertenrat. vertreten Man kann allenfalls sagen, dass es erfreulicherweise das ein oder andere Mitglied des Runden Tisches gibt, das erkannt hat, wie wichtig die von uns eingebrachten Argumente sind. Von denen werden wir auch entsprechend unterstützt.

Sie hatten Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit Christine Bergmann. Was haben Sie gefragt, was hat sie geantwortet?

Es hat mehrere Gespräche mit Frau Bergmann gegeben. Im ersten Gespräch in kleinem Kreis haben wir ihr vermittelt, dass bisher die Belange von Menschen mit Behinderung nicht berücksichtigt werden und wir dieses für zwingend notwendig halten. Dabei haben wir ihr Engagement erbeten. Bei dieser Gelegenheit habe ich Frau Bergmann das Buch über die Auswertung der Mißhandlungen im Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein vor 50 Jahren übergeben. Wir haben verabredet, evtl. einen Termin mit unserer „Freien Arbeitsgruppe JHH“ durchzuführen. Das muss allerdings noch organisiert werden. Die folgenden Gespräche fanden meist am Rande der jeweiligen Sitzungen des Runden Tisches bzw. der Arbeitsgruppe im Justizministerium statt und hatten grundsätzlich immer die gleiche Zielrichtung zum Inhalt. Letztendlich führten sie auch dazu, dass ich für eventuelle Fachfragen als Kontaktperson registriert worden bin.

Sie sind Antje Vollmer, ehemalige Vorsitzende des „Runden Tisches Heimerziehung“ begegnet und mussten ihr einmal heftig widersprechen. Worum ging es?

Direkte Kontakte und Begegnungen mit Frau Vollmer gab es nicht. Lediglich im Zusammenhang einer Diskussion in der Arbeitsgruppe, in der sie die Ergebnisse ihres Runden Tisches bzgl. der finanziellen Regelungen erläuterte. Dabei verwies sie immer wieder auf vorhandene gesetzliche Regelungen, die für andere Entschädigungsformen in Art und Menge im Wege stünden und deshalb auch nicht in Frage kämen. Ich habe dem deutlich widersprochen und klar gemacht, dass ich der Auffassung bin, dass auch Gesetze und Verordnungen den jeweilig aktuellen gesellschaftlichen Situationen angepasst werden können und müssen. Ich erwarte, so habe ich ihr vermittelt, dass dieses auch in diesem Zusammenhang geschieht.

Welche Ergebnisse des „Runden Tisches sexueller Missbrauch“ sind zu erwarten?

Es gibt ja schon einige feststehende Ergebnisse. Dazu gehört unter anderem Einvernehmen über die Verlängerung der Verjährungsfrist für sexuell misshandelte Kinder auf 30 Jahre. Außerdem wurde ein sogenannter Leitfaden entwickelt, der dazu Orientierung bieten soll, wie Beteiligte von Ereignissen sexuellen Missbrauchs sich verhalten sollen und wie mit dieser Situation rechtlich umgegangen werden soll.

Die Frage der Entschädigung oder Widergutmachung ist in der letzten Sitzung diskutiert worden. Dazu sind verschiedenste Anregungen gesammelt worden, die jetzt in einer Unterarbeitsgruppe konzeptionell zu einem Vorschlag für den Runden Tisch aufbereitet werden sollen. Es scheint sich herauszukristallisieren, dass eine Fondslösung favorisiert wird, an der sich unterschiedlichste Gruppierungen beteiligen sollen (Kirche, Staat). Aus diesem Fonds sollen die beabsichtigten Entschädigungsleistungen auf Antrag beglichen werden. Jetzt schon hat es aber einige Vertreter gegeben, die ihre Beteiligung an diesem Fonds in Frage stellen. Dazu gehörte zum Beispiel die katholische Kirche, die ihre Ablehnungshaltung damit begründete, dass sie ja bereits dabei sei, Entschädigungsleistungen zu zahlen; darum sähe sie nicht ein, warum sie zusätzliches Geld in den Fonds einzahlen müsse.

Ich erwarte nicht, dass wir wesentlich über die Ergebnisse des „Runden Tisches Heimerziehung“ hinauskommen werden.

 

Das Gespräch mit Klaus Dickneite führte Helmut Jacob.

 

Klaus Dickneite ist Pressesprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, einem Zusammenschluss behinderter ehemaliger Heimkinder und ehemaliger Mitarbeiter. Die neunköpfige Gruppe entstand 2006. Die Leitung der Evangelischen Stiftung Volmarstein weigerte sich als Rechtsnachfolgerin der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein, die Mißhandlungen an behinderten Klein- und Schulkindern überzeugend aufzuarbeiten. Heute, nach dem Wechsel des Stiftungssprechers 2007, ist das Verhältnis entspannt, die Wiedergutmachungsfrage aber erst teilweise gelöst. Als erstes Ergebnis wird ein demnächst gebautes Kinderheim den Namen eines besonders betroffenen Opfers erhalten.

Dickneite verbrachte als Vollwaise seine gesamte Kindheit im Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein bei Hagen. Nach erfolgreicher Ausbildung war er im diakonischen Bereich, unter anderem auch als Heimleiter, tätig. Heute ist er in vielen Behindertenverbänden und als Kommunalpolitiker für die Belange von Menschen mit Behinderungen tätig.

 

Hintergrundinformation:

„Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

Buch der Historiker Schmuhl/Winkler „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen- Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967": http://gewalt-im-jhh.de/Gewalt_in_der_Korperbehinderte/gewalt_in_der_korperbehinderte.html

Arbeit für Menschen mit Behinderung u.a.: http://www.bvkm.de/

http://www.paritaetischer.de/landesverband/top/ueber-uns/verbandsrat/

Politische Arbeit u.a.: http://www.spd-anderten.de/content/54582.php


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Saturday, 12. february 2011 6 12 /02 /Feb. /2011 22:11

Im Namen der Angehörigen

07. Februar 2011

Von Lydia S.,  Ehefrau eines Betroffenen

5.000 Euro? Als Anerkennung für erlittenes Leid? Das will ich nicht gehört oder gelesen haben.

Beim ersten „Eckigen Tisch“ am 29. Mai 2010 zeigten sich die anwesenden Jesuiten erstaunt darüber, dass neben und hinter jedem Betroffenen Eltern, Partner und Partnerinnen und Kinder stehen. Sie hatten uns vergessen. Das war echt. Sie hatten einfach nicht nachgedacht.

Teilweise leben die Eltern nicht mehr oder die Partner / Partnerinnen haben sich getrennt. Die meisten Kinder der Betroffenen sind erwachsen. Es wäre interessant, sie über die Erfahrungen mit ihren missbrauchten Vätern zu befragen.

Hat einer sie angehört? Hat einer sich bei den Eltern und Partnern und Kindern entschuldigt? Ich nehme an, dass die Jesuiten uns alle in ihr Abendgebet einschließen. Aber vielleicht sollte ich sie daran erinnern, das zu tun?

Liebe Jesuiten, habt Ihr einmal durchgerechnet, wie viel ein Schulplatz an Euren Schulen die Eltern gekostet hat? Das Canisius-Kolleg war günstig, aber am Aloisiuskolleg und in St. Blasien haben die Eltern mehrere 10.000 DM bezahlt im Laufe der Schulzeit ihrer Kinder, die dort missbraucht wurden.

Manche der Schüler wurden der Schule verwiesen und zerbrachen daran, leben im Extremfall seit Jahren von Hartz IV. Manche wurden krank, drogenabhängig oder nahmen sich das Leben.

Manche Eltern mussten jahrelang viel Geld in ihre missbrauchten Jungs investieren, damit sie mit Hilfe von Therapien von Drogen loskamen oder weiterleben konnten.

Jede Einzelrechnung übersteigt die Zahl 5000.

Natürlich, diese Summe ist als Anerkennung gedacht.

Wenn ich mein Fahrrad zur Reparatur gebe und es dort geklaut wird oder beschädigt, erhalte ich zumindest den Wert dessen ersetzt, was da als Auftrag vorlag. Und dann könnte man noch über einen Blumenstrauß für den Ärger und den Aufwand nachdenken oder eine Entschuldigung.

Das ist ein einfaches Bild, finde ich.

Nun zu mir. Ich lebe seit vielen Jahren mit einem schwer erkrankten Betroffenen. Ob seine Krankheit eine Folge der Missbrauchserfahrungen ist, werde ich nie wissen. Jedoch ist mein Partner einer dieser mutigen Männer gewesen, die die Welt verändert haben. Die zunächst allein durch ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu treten, eine Lawine ins Rollen brachten, die uns seit einem Jahr mitreißt. Und ich warte noch auf den Moment, dass wir irgendwo langsamer werden, damit die Bergwacht endlich anfangen kann, uns zu befreien.

Mein Mann ist selbstständig und hat seine Arbeitskraft im vergangenen Jahr dem ‚Eckigen Tisch’ und den vielen Betroffenen geschenkt, die sich meldeten und den Kontakt brauchten. Es konnte nicht geschwiegen werden oder zur Tagesordnung übergegangen werden. Diese Menschen fanden im vergangenen Jahr die Kraft, sich zu offenbaren, fremden Männern ihre intimsten und schrecklichsten Geheimnisse zu erzählen. Mein Gott, da muss man reden. Selbst wenn sie es auch nur in Ansätzen gewollt hätte, dies konnte Frau Raue nicht leisten, geschweige denn, dass die Männer sie als Gesprächspartnerin wollten.

Mein Mann – unter anderen – konnte dieser Gesprächspartner sein. Das kostet bis heute Zeit und Kraft und ist notwendig und wichtig. Da haben wir nicht nachgedacht. Das musste sein. Wir schränkten uns ein und er tat, was getan werden musste.

Auch Matthias Katsch tat es. Im vergangenen Jahr wurde er das Gesicht an Stelle all der Betroffenen. Auch er hat das vergangene Jahr dem Ehrenamt gewidmet.

Ich merkte ja auch, welche Kraft diese unbändige Wut des jahrzehntelangen Schweigens freisetzte … durchwachte Nächte, Tage am Computer, Gespräche bis zum Morgengrauen. All die Betroffenen waren plötzlich bedürftig nach diesem Kontakt, dem Kontakt zu den anderen Betroffenen. Das war notwendig und wie Balsam auf ihre offenen Seelenwunden. Keiner konnte schlafen, bis heute nicht.

Es war und ist eine unglaubliche Zeit, aber wir sind pleite nach diesem Jahr. Und ich weiß nicht, wohin das noch führt.

Es wirkt banal, aber wir haben aus Not und Prinzip die Rechnung unserer langen gemeinsamen Paartherapie bei den Jesuiten eingereicht. Hätten wir damals gewartet, wir wären heute kein Paar mehr. Die Ursache unserer Paarprobleme waren eindeutig die Folgen der Missbrauchserfahrungen. In diesem verrückten Jahr könnten wir das Geld wirklich gebrauchen. Aber bislang denken die Jesuiten immer noch darüber nach, ob auch vergangener Therapiebedarf von ihnen ausgeglichen wird.

All die Menschen, die sich an runden Tischen treffen, können ihre Fahrtkosten abrechnen und diese Arbeit in ihrer bezahlten Arbeitszeit erledigen. Wie schön. Aber die eigentlichen Helden? Pech gehabt. Ehrenamt. Gottes Lohn.

Ich neige nicht zu Hysterie, ich bin eigentlich auch nicht unbedingt sarkastisch. Aber wenn ich das nicht schreiben könnte, würde ich platzen. Die Stimme ist mir fast versiegt.

Im Sommer habe ich darüber geschrieben, „welches Leben wir hätten leben können“, im Nachhinein noch einmal durchdacht.

Ja, liebe Jesuiten, was denkt Ihr eigentlich? Es gibt Mütter, deren Söhne nicht mehr mit ihnen sprechen. Es gibt Eltern von Betroffenen, die ihre Söhne für immer verloren haben. Da sind Väter von Betroffenen, die mit den Selbstvorwürfen nicht mehr ruhig schlafen, mit Not vom Amoklauf abgehalten wurden. Ehrlich!

Ehen stehen seit dem vergangenen Jahr auf dem Prüfstein, da die Männer mitgerissen wurden von einem Tsunami und Ehefrauen zum ersten Mal von dem Missbrauch ihrer Partner erfuhren. Kinder sprachen monatelang nicht mit ihren Vätern, da sie diese Offenbarungen nicht hören wollten. Dies zerstörte auch ihre junge heile Welt. Ganz zu schweigen von den Kindern, die selber wiederum auf der Schule des Missbrauchs ihrer Väter sind.

Es tut sich ein riesiges dunkles Loch vor mir auf. All das lässt sich keinesfalls irgendwie vergüten oder aufwiegen mit Geld. Das ist wahr. Aber ein klägliches Monatseinkommen für uns? Entschuldigung, aber da schüttelt es mich bei dem Gedanken. Was sollen wir mit 5.000 Euro? Vielleicht spenden, für die Präventionsarbeit an Jesuitenschulen? Ich weiß auch nicht. Das ist alles sehr bitter.

Ich möchte die Geschichten der Partner und Partnerinnen dokumentieren, ich möchte die Eltern hören. Wir sollten das veröffentlichen, damit der Täter-Orden und die Täterschutzorganisation katholische Kirche über das nachdenkt, was sie seit einem Jahr weiterhin tun: Sie verletzen mit jeder einzelnen Äußerung, die sie zu diesem Thema tätigen.

Schweigen Sie still und denken Sie nach! Denken Sie einfach einmal nach!

Lydia S.

PS: Ich freue mich über Reaktionen von Betroffenen und deren Angehörigen – entweder als Kommentar (für alle lesbar) oder an mich persönlich unter lydia@eckiger-tisch.de


Dank der Autorin für die Genehmigung zur kompletten Textübernahme


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Tuesday, 1. february 2011 2 01 /02 /Feb. /2011 00:03

Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer

Ein informationsgestützter Interpretationsversuch

Der Runde Tisch stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Zwar hatte er eine nicht zu überschätzende parlamentarische Startbedingung durch den Auftrag des Petitionsausschusses bekommen, doch dann geriet das Verfahren unter die Räder der Alltagspolitik, die immer Interessenpolitik ist, bei der sich letztlich das Beharrungsvermögen (Trägheit inbegriffen) und die mächtigeren Interessen durchsetzen.

Da war zunächst die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen, die ich als die böse Fee der Heimkinder sehe. Sie sorgte mit ihrem Votum für die „richtige“ Weichenstellung: „Die Einrichtung eines nationalen Entschädigungsfonds wird von Bundestag und Bundesregierung nicht angestrebt.“

Die psychologischen Auswirkungen dieses Satzes waren verheerend. Er hat einen ungeheuren Vertrauensschaden angerichtet.

Doch die Ministerin blieb am Ball: Im Zuge der Vergabe der Organisation des Runden Tisches kam es zu einer Kürzung des Budgets von rund einer Million auf rund vierhunderttausend Euro. Diese Zahlen waren mir bei meiner Anhörung am Runden Tisch am 2. April 2008 noch nicht bekannt ( http://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf ). Es war klar, daß mit dieser Summe nicht angemessen gearbeitet werden konnte. Sollte ja vielleicht auch nicht werden.

Zu welchem Zeitpunkt in diesem Hintergrundgeplänkel Frau Vollmer mit der Moderation beauftragt wurde, weiß ich nicht. Aus jahrelanger Erfahrung als Moderator weiß ich aber, daß ein Moderator, wenn nicht nach außen, so doch zumindest in der Gruppe, die er moderiert, unglückliche Startbedingungen benennen und mit der Gruppe überlegen muß, wie man damit umgehen will, um das Projekt erfolgreich anzugehen. Dies hat Frau Vollmer nicht getan.

Zudem hat ein Moderator darauf zu achten, daß kein Mitglied der Gruppe deutlich schwächer gestellt ist, als andere. Eine asymmetrische Machtverteilung gibt es zuweilen. Doch eine ungleichgewichtige Beteiligung darf ein Moderator nicht hinnehmen, sondern muß ihr gegensteuern. Das bedeutet, daß Frau Vollmer dafür Sorge hätte tragen müssen, daß den ehemaligen Heimkindern die begleitende Beratung durch eine renommierte Rechtsanwaltskanzlei finanziert wird. Doch die bekamen nicht einmal ein eigenes Budget.

Alle anderen Teilnehmer am Runden Tisch waren den ehemaligen Heimkindern durch Bildung und Ausbildung, und auch durch ihre berufliche Position haushoch überlegen. Zudem hatten sie einen „Apparat“ im Hintergrund, den sie zumindest logistisch nutzen konnten. Zu erwähnen ist auch die Selbstverständlichkeit, daß ihre Tätigkeit zumeist im Rahmen ihrer dienstlichen Obliegenheiten erfolgte.

All dieses nicht angesprochen und kompensiert zu haben, ist professionelles Versagen der Moderatorin Vollmer. Zugleich ist es eine Frage der Berufsethik, die sie als Pfarrerin zu berücksichtigen hat, auch wenn sie nicht explizit als solche tätig wird.

Doch dabei blieb es nicht. Frau Vollmer hätte erkennen müssen, daß die am Runden Tisch beteiligten ehemaligen Heimkinder einen schweren Stand auch gegenüber ihrer Basis haben, gerade weil Frau von der Leyen sich so definitiv geäußert und schon die deutliche Verzögerung des Beginns des Runden Tisches verursacht hatte. Auch diesen Punkt habe ich in meiner Anhörung deutlich herausgestellt. Sie hat jedoch die Alarmsignale ignoriert und eine Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die als Verheimlichungsarbeit wahrgenommen werden mußte. Es ist zu konzedieren, daß die Politik des VeH ihr dabei in die Hände gespielt hat; eine Politik, die ich bei meiner Anhörung als problematisch bezeichnet habe. Doch Frau Vollmer  hätte gegensteuern können und müssen. Allerdings scheint sie in der Person von Dr. Siegfried Wiegand ein williges Werkzeug gefunden zu haben, den sie nach meinen Informationen in mindestens einer separaten Unterredung auf Gefolgschaft einstimmen konnte. Dadurch hat sie die Position der ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch noch mehr geschwächt, indem diese nun nicht nur dem Druck der Heimkinderöffentlichkeit ausgesetzt waren, sondern auch dem Konformitätsdruck innerhalb ihrer Dreierkonstellation; schließlich hatte Herr Wiegand erkennbar eine Leitfunktion inne und beanspruchte sie auch.

So eingefädelt konnten die Dinge ihren Lauf nehmen. Informationen vom Runden Tisch blieben eher formal, wenn auch ein paar Gutachten in Auftrag gegeben wurden, die zu anerkennenswerten Ergebnissen kamen. Die beim Runden Tisch eingerichtete Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder hat nichts verlautbaren lassen, was auf eine erfolgversprechende Arbeit schließen ließe; ehemalige Heimkinder, die Kontakt mit mir hatten, haben sich ausschließlich negativ über die Stelle geäußert.

Dann kam der Zwischenbericht. Er wurde von Prof. Kappeler auf hohem fachlichem Niveau ausführlich analysiert. Herr Wendelin vom Runden Tisch versicherte mir zwar, alles werde vom Runden Tisch wahrgenommen; doch die Analyse von Prof. Kappeler fand weder eine offizielle Anerkennung, noch wurden die aufgezeigten gravierenden Mängel in der Folgezeit kompensiert.

Die Schlußphase –  Endlich hatten die drei Teilnehmer des Runden Tisches mit Heimhintergrund ein Papier mit konkreten Forderungen nicht nur vorgelegt, sondern auch offiziell eingebracht. Damit kamen Turbulenzen in die Beratungen des Schlußberichts, so daß die Schlußversion besser aussah als der Entwurf.

Die Analyse des Schlußberichts durch Prof. Kappeler ist aufschlußreich. Wie kam das Abstimmungsergebnis zustande? Die drei „ordentlichen“ Vertreter der Heimkinderseite hatten drei persönlich zugeordnete Stellvertreter bekommen. Diese waren zwar redeberechtigt, was ihnen aber anscheinend nicht gleich gesagt wurde. Stimmberechtigt waren sie jedoch nur bei Nichtanwesenheit dessen, den sie zu vertreten hatten. Folgerichtig gab es also immer nur drei Heimkinderstimmen. Zur Absegnung des Schlußberichts sollten auch die Stellvertreter plötzlich stimmberechtigt sein; die Heimkinder hätten also sechs Stimmen gehabt. Doch die Verdoppelung der Ohnmacht klappte nicht, denn ein Stellvertreter scherte aus. Eine Gegenstimme hätte nicht gut ausgesehen. Den Stellvertretern wurde das gerade eben zugesprochene Stimmrecht schnurstracks wieder entzogen. Die anderen wurden vor die Alternative gestellt: entweder es gibt das, was nun aufgetischt ist, oder es gibt gar nichts. Bei Tarifverhandlungen zwischen in etwa gleich starken Partnern ist das ein legitimes Mittel, einen Kompromiß herbeizuführen oder die Situation zu klären. Doch diese Konstellation war von Anfang bis Ende nicht gegeben. Die Moderatorin setzte die schwächeren Partner unter Druck (und Zeitdruck) und bekam das, was sie später in der Presse eine immer gute Lösung nannte, den einstimmigen Beschluß. So darf ein neutraler Moderator nicht verfahren.

Dennoch bin ich der Meinung, daß Frau Vollmer ihren Job professionell gemacht hat. Ich hänge jedoch nicht den Verschwörungstheorien vieler ehemaliger Heimkinder an. Die Realität dürfte banal sein. Frau Vollmer hat ausschließlich als Politikerin agiert und das gefördert, was angesichts der Verhältnisse machbar war und als persönlicher Erfolg verkauft werden konnte. Sie mußte dabei nur entsprechend jonglieren und aufpassen, daß kein Ball zu Boden fällt.

Das ist ihr zweifellos gelungen. Frau Vollmer hat ihren Job beendet und hält sich mit Recht für erfolgreich. Auch der Hauptvertreter der Heimkinder am Runden Tisch kann sich im Erfolg sonnen, wie ich vermute, selbstgefällig: Er hat immerhin den ehemaligen Heimkindern einen Spatzen  verdient.

Auch gekonnt-professionelles Handeln kann äußerst degoutant sein.

http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/#comments

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Webmaster: de|gou|tant: ekelhaft, abstoßend.


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